Viele Fragen, keine Antworten. Keine brauchbare Vene ...

Viele Fragen, keine Antworten. Keine brauchbare Vene mehr in meinem Arm. Zu oft Blut gespendet, nur noch Narben. Wie ein Schmetterling sieht die Spendenarbe aus Neapel aus. Kein Wunder, dass die Krankenhäuser dort mit Blutspendewagen am Hbf entlangkreuzen, außer engagierten (das richtige Wort ist mir in letzter Sekunde entrutscht?) jungen Touristinnen lässt sich sicher niemand eine mehrfach gebrauchte Nadel in den Arm rammen und anschließend mit einem Fläschchen Ananassaft in die Hitze schicken. Napoli. Ich denke an Neapel sehen und sterben mit jedem unbeholfenen Versuch, eine Nadel in meine Armbeuge zu schieben. Sie sticht und dreht, die blondgestruppte Krankenschwester und gibt dann auf. So stechen sie mich zu zweit in die Hand, sehr tief, und der Professor schaut zufrieden “Oh, das Blut läuft ja toll! Da machen wir gleich noch ein paar Tests mehr.”

Ich weiß nicht, ob das ein morbider Scherz war oder ob sie in jedem Fall vier Röhrchen von mir gefüllt hätten. Was tun sie nur damit? Verbrechen lassen sich heutzutage anhand von winzigen Spuren aufklären, einzelne Haare, winzige Kratzer. Aber von mir brauchen sie gleich immer einen halben Liter Blut, dabei habe ich gar nichts verbrochen. Ich warte insgesamt mit Unterbrechungen vier Stunden, so wie alle mehrere Stunden warten. Wie jedes Mal halt. Man arrangiert sich. Nun habe auch ich ein Ultraschallbild, das ich vorzeigen könnte. Haha. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass einige Leute darauf einen Jungen oder ein Mädchen erkennen würden, aber es ist bloss ein Bild der kleinsten und inaktivsten Schilddrüse überhaupt. Der Arzt geht raus und ich lese schnell meine Akte durch. Leider steht noch nichts über heute drin, so habe ich mich umsonst beeilt.

In der Praxis hängt ein Schild, dass man Verständnis haben soll, weil ständig Notfälle kommen würden und den Zeitplan durcheinanderbringen würden und das sei immer so, damit müsse man eben rechnen. Ich versuche mir vorzustellen, wie jemand mit der Hand am Hals die Praxis stürmt und brüllt, er habe soeben an sich eine akute Funktion festgestellt, über oder unter. Die Sprechstundenfrau sagt strafend, es handele sich wohl eher um Strahlenopfer “oder Unfälle und Ähnliches” und hüllt sich in Schweigen. Bitte sag mir, wo man mit Strahlenschäden rechnen muss in dieser Gegend, damit ich davor weglaufen kann, denke ich und schweige ab jetzt. Denn ich will es nicht wissen, meine Träume sind so schon bunt genug. Überhaupt esse ich erst gerne Steak, seit von BSE die Rede ist und muss nicht auch noch wissen, wie und wo man sich akut verstrahlen kann. Vielleicht meinte sie auch Leute, bei denen ein schwerer Schaden /eine schlimme Erkrankung festgestellt wurde? Ich will es nicht wissen.

Endlich DAS GESPRÄCH. Der Professor schleppt mich von Zimmer zu Zimmer. Er hat nämlich noch ein Ultraschallgerät, ein neues, und das möchte er an mir ausprobieren. Stirnrunzelnd schiebt er kalten Glibber an meinem Hals hin und her und beugt sich schließlich vor für DIE ULTIMATIVE INFORMATION. Ich merke, jetzt kommt das Ergebnis seiner Untersuchungen, das Fazit sozusagen. So beugt er sich noch weiter vor und meint dann sehr nachdenklich “Also, mit dieser Schilddrüse ist definitiv nichts in Ordnung.”

Na besten feierlichen Dank auch. So weit waren wir ja schon im Oktober. Die Liste mit meinen Beschwerden krame ich aus der Tasche, vorsichtshalber aufgelistet, weil ich immer so viele vergessen hab, wenn es hart auf hart kam. Er liest alles. Ich gebe ihm auch den Brief von der Therapeutin aus der Kur und er wird richtig zickig. Das hätte er doch schon untersucht! (Nie werde ich mir den Namen dieser Drüsen in meinem Schädel merken können). Das heißt, er hat natürlich nur ... brummelt vor sich hin. Meine Ohren entfalten sich mit einem leichten Knacksen, fahren weiter aus und blättern sich zu wirsinggroßen Schaufeln: Was denn? Das Brummeln läuft darauf hinaus, dass die böse böse Krankenkasse ja immer nur zwei Untersuchungen zahlt und nicht die drei verschiedenen, brummel brummel ...

Komplett entsetzt quiekse ich nur “Ja und???? Dann zahle ich die eben so!” und ernte einen ganz unglaublich leeren Blick. Scheint nicht angekommen zu sein, diese Info, denn als nächstes verkündet er “ach Quatsch, das war ja ein ganz anderes Quartal!” und fröhlich “dann machen wir das eben jetzt!” Wunderbar. Ist es doch, warum fühle ich mich dann so verarscht? Übergangslos stehe ich im Flur und soll gehen. Die Ergebnisse kommen in vier Wochen. Tschüs. Mir fehlt viel Blut für einen durchschnittlichen Donnerstag und so schwindelt mir, als ich auf der Strasse ankomme und ich kaufe nicht mal die Tasche im Shop an der Ecke, die mich anlacht und auf 195 DM runtergesetzt ist und in die bestimmt der Laptop gut passen würde. Die Antwort des Experten auf alle Beschwerden lautet auch diesmal “Warten wir das Blutuntersuchungsergebnis ab”. Meine Hand sieht aus, als würde ich mir seit Jahren harte Sachen spritzen - dabei ist die krasseste Droge meines Lebens bisher Chamagnertrüffel gewesen (und das bleibt auch so). Die Hand tut weh, und der Rest ist kalt und wütend.

Idealistisch. Das Wort, das oben fehlt. Nur junge idealistische Touristinnen kriegt man bei 39 Grad im Schatten so weit, dass sie sich eine gebrauchte Nadel in den Arm rammen lassen für eine OP an einem Kleinkind, das Blut mit Rhesusfaktor 0-negativ braucht. Hoffentlich habe ich dem Baby kein schilddrüsenkrankes Blut gespendet, damals. Hoffentlich hab ich mir diesen Mist erst danach eingefangen. Hoffentlich. Ich wusste das doch nicht.

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