Ohne nachzudenken steige ich aus dem Bett ...


Ohne nachzudenken steige ich aus dem Bett und auf beide Füsse. Der Schmerz zerreisst mich völlig ohne jede Vorwarnung, ein Riese zerdrückt meinen Fuss, mein Bein in seiner Hand und ich bin so überrascht, dass ich schreie. Ich werde stürzen und dann bis Sonntag hier liegen, denn Oliver ist unterwegs und sein Handy hat keinen Empfang und das Telefon liegt ausser Reichweite und in meinem Kopf läuft ein Film ab und ich liege wieder eisgekühlt und wimmernd auf den Fliesen in einem Wohnzimmer ohne Möbel und versuche zum Telefon zu kriechen, das beim Sturz in tausend Teile zerbrochen ist. Aber vielleicht kann ich es wieder zusammenstecken, wenn ich bis dahin komme. Ein Tag geht, eine Nacht läuft ab und dann, irgendwann am nächsten Tag werde ich es vielleicht schaffen aufzustehen, aber vielleicht diesmal in der Wiederholung nicht ... und ich stelle fest, dass ich schreie und schreie, während der Schmerz mir die Knochen zusammenschiebt und schaffe es irgendwie aufzuhören mit dem Schreien und mich festzuhalten und mich auf den Stuhl zu zerren und da sitze ich nun und lausche dem Abklingen des Schmerzes in meinem Bein. Die Nachbarn auf dem Nebenhausbalkon unterhalten sich tuschelnd, nein, sie werden nicht nachsehen, ob ich ruhig bin weil alles in Ordnung ist oder weil es mich erwischt hat. Auf eins kann man sich schliesslich verlassen: Wenn ich tot bin, fange ich bei dem Wetter spätestens morgen nachmittag an zu stinken.

Der Schrei hallt in meinem Kopf noch nach und ich versuche mich daran zu erinnern, wie es war, alleine zu liegen und nicht gefunden zu werden. In 1997, als ich hier einzog. Ohne Geld für Möbel, alleine, krank, auf den noch ungewohnten Fliesen gerannt und schwer weggerutscht. Am Tag danach rief Martin mich an und als er mitbekam, dass ich mit einer beginnenden Lungenentzündung herumlag und nicht mal Nudeln im Haus hatte, kam er und brachte mir einen riesigen Karton Delikatessen. Aber ich war Jahre vorher schon einmal gestürzt bzw von einem Skater angerempelt worden, in einer vereisten Fussgängerunterführung, und hatte dort Stunden gelegen - die Leute eilten hastig an mir vorbei, voller Furcht, ich könnte nur so ein Stück Menschendreck mit Drogenproblemen sein (nicht meine Meinung, sondern meine Interpretation des allgemeinen Verhaltens). Nicht hinsehen, dann verschwindet es. Ein Rollstuhlfahrer half mir, oder war es eine kleine türkische Dame oder waren sie es gemeinsam? Ich sehe noch ihre Gesichter und wie sie behutsam die blutigen Fetzen meiner Jeans von den Knien lösten, wo sie verkrustet waren.

Stürzen und nicht gefunden werden ist eine ganz elementare Angst. Wir werden alle alleine sein, wenn wir sterben. Aber für mich ist es einfach noch viel, viel zu früh. Und so werde ich wieder schreien, wenn der Schmerz mich unerwartet überfällt und mich vielleicht sogar darüber freuen, wenn jemand sich beschwert darüber. Denn nicht bemerkt zu werden ist eigentlich das Schlimmste für einen Menschen in Not. Auch wenn die vielleicht nur 3 Minuten dauert wie gerade.

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