Cyberkultur: Instant-Selbstverwirklichung

Acht Tage PAUSE, und die Mails zu dem Thema Weblog und “Warum?” hören nicht auf. Obwohl eigentlich jeder erkennen müsste, dass nur verschwindend wenige Menschen überhaupt wissen, was ein “Log” ist und von denen es 80 % dann als zu zeitintensiv abtun und sich nicht weiter dafür interessieren. Mir war vorher überhaupt nicht klar, wie viele Onliner eine pseudo “Selbstverwirklichung” durch diese Art der Veröffentlichung meinen erreicht zu haben. Oder ist eine Selbstverwirklichung schon dann erreicht, wenn (nur) man selbst dran glaubt? Dann sollten wir uns wohl alle auf die Knie niederwerfen und im Angesicht von Blogger.com dankbar ein paar Kerzen opfern. Instant-Selbstverwirklichung wird viele Luxusprobleme in unserem Kulturkreis entsorgen.

Ich habe eine Weile gebraucht, um das Gefühl zu identifizieren, das diese melodramatischen Nachfragen in mir auslösen. Einerseits ist es Ärger, denn ich finde es eigentlich eine Frechheit, meine Person virtuell für tot zu erklären und zu betrauern, als sei ich selbst nichts weiter als ein dämliches Weblog, das jeder Depp bedienen kann. Auch andererseits ist es Ärger, denn es bereitet mir fast körperliche Schmerzen, in einer Kiste mit den Melodramaten verstaut zu werden, die ihr Weblog als Waffe nehmen, um theatralische Abschiede zu inszenieren. Ja, Abschiede. Mehrzahl. Das würde ich niemals tun. Eine kleine, aber wichtige Sache habe ich schon lange gelernt: Wer nur Negatives geben kann und will, ist als Mitmensch unerträglich. Wenn du deinen Freunden auch Lachen und Liebe und unbeschwerte (!) Freundschaft und schöne Momente schenken kannst, dann sind auch Menschen da, wenn es dir mal schlecht geht - und dann muss man keinen Abgang simulieren und laut mit den Türen einer Homepage knallen, um bemerkt zu werden. Ich finde es furchtbar, dass man mir so eine Show zutraut. Glücklicherweise tun das nicht viele.

Ansonsten kann ich es leider nicht schmeichelhaft finden, bedrängt zu werden. Es erinnert mich an eine Zeit vor zwei oder drei Monaten, als ich schon beim Klingeln des Telefons zusammenzuckte, weil ich hoffen musste, nicht wieder von jemandem dichtgeschwallt zu werden, der über sein wichtiges Weblog und dessen wichtige Wirkung auf wichtige Teile der wichtigen virtuellen Welt reden wollte. Statt einfach eine Seite ins Web zu stellen und sich zu freuen, so mühelos und schnell kreative Dinge ausprobieren zu können, macht es bei vielen so ein sattes Klack-Geräusch im Hirn und ab diesem Moment muss man dann alles rausholen aus dieser “Chance”, was drin ist. Um reich, berühmt und wunderschön zu werden, nehme ich an - anders kann ich mir das echt nicht mehr erklären. Als ich merkte, dass ich solche Telefonate nicht führen will und auch keine Erfolgsberatung für private Homepages machen kann, habe ich gebeten, mich nicht mehr anzurufen, weil ich arbeiten musste. Was ja auch stimmte.

Der hat dann trotzdem gefragt “ab wann ich denn endlich wieder angerufen werden könnte”. Ich habe hier wirklich mit offenem Mund gesessen: Wie kann man nur so endlos viel ZEIT für so was haben??!! Nein, ich kann nicht angerufen werden. Ich bin kein Service-Center. Und das muss ich nicht rechtfertigen. In einer Nacht dann bekam ich nach Mitternacht noch einen völlig aufgelösten Anruf von einem Menschen, der um jeden Preis der Welt seiner Forderung nach einem Forum, einem Kommentarfeld oder Gästebuch bei mir Nachdruck verleihen musste, ohne jegliche Rücksicht auf Verluste, sprich Tageszeiten, andere Meinungen, oder gar meine Bereitschaft. Das war jemand, den ich sehr mochte und ich werde das Gefühl nie vergessen, als ich mich förmlich in die Ecke gedrängt spürte.

Der virtuelle Zeitvertreib Weblog kam immer wieder gegen meinen Willen bis in mein Privatleben hinein, zwängte sich durch die Leitung und fuchtelte wüst und unwillkommen vor mir herum. Spätestens da war mir klar, dass ich nicht ewig “mitloggen” würde.

Was da in dem für mich einsehbaren Teil der “Szene” abläuft, hat rein gar nichts mehr mit der leicht tumben Eitelkeit privater Homepagebesitzer zu tun, die täglich ihren Webzähler liebkosen. Durch die Hin- und Herverlinkung einzelner Weblogs untereinander, die verdammten nach Popularität gewichteten Linklisten und die Möglichkeit direkter Kommentierung schaukelt sich bei einigen Webloggern dieses Gefühl immer weiter hoch, diese HTML-Seiten mit Text seien sie selbst. Wie das Log mit seinem Instant-Text ankommt, so werden auch sie als Menschen angenommen - und ob jemand das Zeug liest oder darauf reagiert, das bestimmt bei manchen das Selbstwertgefühl. Wenn eine Sache so wichtig ist, muss sie natürlich ständig diskutiert werden und wie in jeder Dorfgemeinschaft muss man sich rechtfertigen, wenn man Dinge anders tut als der Menschenbrei, der über den Marktplatz walzt. Die eine oder andere Steinigung ist dann nicht weiter überraschend 😉

Dazu kommt noch, dass Erwartungshaltungen öffentlich oder per Mail geäussert werden und der Mensch dahinter mit höchstem Unverständnis reagiert, wenn er dann mitgeteilt bekommt, sorry, aber da hast du wohl was falsch verstanden. Du willst über Obstsalat reden? Pech gehabt, ein Weblog weiter muss es gerade jetzt und um jeden Preis um Apfelzucht gehen, da wird dein Obstsalat eben diskussionsvergewaltigt, Hauptsache, man kann sich dazwischen drängen, denn man will ja auch zurückverlinkt werden, wegen der wichtigen Besucherzahlen. Du hast etwas geschrieben und nun bist du nicht bereit, fünfzig Wildfremden dafür Rede und Antwort zu stehen? Pech gehabt, denn kapieren werden sie das nicht.

Sie sind ja nicht fremd - sie lesen doch dein Weblog, das muss doch reichen. Und von der anderen Seite dann beleidigte Weblogger, die nicht verlinkt wurden, obwohl sie doch so schön auf einen Beitrag von dir reagiert hatten. Die vielleicht nicht auf der Linkliste stehen, obwohl sie dich selbst verlinkt haben. Die doch gestern extra in ihr Log geschrieben haben, dass ihre Erdbeermarmelade zu flüssig bleibt und die genau wissen, dass du helfen könntest, wenn du es nur wolltest und nun bös beleidigt sind, dass du es nicht getan hast. Und so weiter und so weiter und so weiter.

Ich weiß nicht, ob es ausserhalb von Deutschland auch so verklemmte Diskussionen über “2-Klassen-Gesellschaft bei Webloggern” gibt oder ob man sich international einfach darauf beschränkt, anzuerkennen, dass einige Logs, einige Log-Autoren aufgrund von Ausdrucksfähigkeit, Stil, Design oder anderen Gründen aus der Menge ragen. Mich hat es ganz unglaublich gestört, wenn diese Diskussion aufkam “ob einige sich besser fühlen als andere” und mit großer Weinerlichkeit das böse System der Arroganten angeklagt wurde, während die Lösung doch offen auf dem Monitor lag: Schreib ehrlich, gier nicht ständig auf den Besucherzähler, sondern tu’s für dich. Dann wirst du gelesen werden, und wenn es nicht von so vielen ist, so sind es doch immerhin die Richtigen.

So ein Gespräch habe ich nur einmal zu führen versucht. Dieser Weblogger beharrte darauf “aber die Abrufzahlen zeigen ...” und ich versuchte ihm zu erklären, dass es nicht darauf ankommt, was der Zähler sagt, sondern die Leser. Und welche Leser. Und ob sie ehrlich sind. Daraufhin wiederholte er wieder “Das sehe ich aber anders, denn die Abrufzahlen ...”

Dann eben nicht.

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