“Was machst Du gerade?” In genau dem ...


“Was machst Du gerade?” In genau dem Moment war ich dabei, mit Hilfe einer kleinen Nagelschere die Push-up Stangen aus dem Samt-BH zu entfernen, den ich mir letztes Mal in London gekauft habe - glücklicherweise bin ich nicht allzu grosseuterig, aber push-uppen muss dann doch nicht sein, manchmal sollen einem die Leute auch ins Gesicht schauen. Mir sind die Stangen auch zu unbequem. “Was soll ich schon machen, ich arbeite.” Korrekte Antwort für jemanden, der gerade in das abenteuerliche Leben eines Freiberuflers gewechselt ist. Ungeduldig trommele ich mit den Fingerspitzen auf die Tischkante, lautlos natürlich. Korrekte Antwort auch sowieso, denn jetzt kommt ein “Schade, denn ich hätte sonst…”

Eine Schwägerin samt zu überarbeitenden Bewerbungsunterlagen vorbeigebracht. Für fünf Stunden vorbeigeschaut, um sich das Internet erklären zu lassen. Eben mal einen Entwurf für eine Präsentation gefaxt, die dummerweise nur handschriftlich vorhanden ist, um Ideen für ein neues Firmenbriefpapier gebeten, mal eben mit drei Partnern mich besucht, um zu fragen, was ich von dieser und jener Existenzgründungsidee halte. Sich in Sachen Computerkauf beraten lassen, oder in Sachen Webpräsenz. Ein unaufhörlicher Strom von Menschen, die sich nur und ausschliesslich melden, wenn sie was wollen. Kostenlos, versteht sich, und sofort. Ich helfe eigentlich gerne. Und die Onliner, die einen mit dreisten Anfragen überschütten (“hier habe ich Dir mal 567 Seiten Manuskript angehängt, kannst Du das mal überarbeiten, ich brauch das bis in zwei Wochen, um mich an einem Literaturwettbewerb zu beteiligen”), von knackig geforderten Verlinkungen und der Aufforderung um Bannertausch mal abgesehen, an die hat man sich im Laufe der Jahre gewöhnt. Aber seit ich mich tagsüber nicht mehr hinter einem kurzen “bitte nicht im Büro” verschanzen kann, wird es mir echt zu bunt.

Also habe ich gesagt “Oh, das hättest Du? Sowas. Wie geht es Euch eigentlich? Ich hab Dich ja seit 8 Monaten nicht gesprochen, Du wirst doch wohl nicht zu denen gehören, die sich nur melden, wenn Sie was möchten?” Wenn es sein muss, kann ich sowas sehr charmant mit einer samtenen Stimme und einem netten Lachen am Satzende loswerden. Es gibt immer die Möglichkeit, leicht verlegen mitzulachen und kommentarlos darüber hinwegzugehen, richtig? Diesmal habe ich ein “Äh öh, nun tja, da hast Du wohl irgendwie recht, aber…” geerntet.

Nicht, dass irgendwer heute noch ernsthaft in Verlegenheit zu bringen ist, der nur anruft, weil er was will 😉 Zielgerichtet setzt sich das Gespräch mit einem “Wir sollten wirklich mal wieder einen Kaffee trinken gehen, das stimmt wohl” fort und dann kommt unbeirrt die jeweilige Forderung. Die Vergangenheit hat die anderen schliesslich gelehrt, dass ich schön hilfsbereit bin. Bin ich auch. Immer noch. Auch bei Fast-Fremden, die sich nur melden, wenn sie was wollen. Ich kann nämlich jederzeit dabei helfen, einen preisgünstigen professionellen Berater zu finden. So. Und nun bastele ich mir ein Mobile mit den Stangen, die vorher im BH waren. Auch wenn man viel arbeitet, muss man nämlich mal eine Kreativpause machen.

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