Suchtverhalten

Vorsichtshalber im Hotel anrufen und die Buchung um den Vermerk »Zimmer mit WLAN« ergänzen. Das klappt, dann kann ich früher fahren und eine weitere sanft gepflegte Sucht ausleben: Hotelzimmer. Nur die anonymisierte klimatisierte Sorte, die dann überall auf der Welt sein könnte von Bankgok bis Hamburg, sobald man die Vorhänge zuzieht. Nicht, weil ich die einheitlich anmutende Einrichtung dieser Ketten so mag, sondern weil ich nirgends so friedlich und sofort und tief und fest schlafe wie in einem solchen Zimmer.

Es gibt Hotels in malerischen Orten, in die ich heimlich, still und leise und vor allem ganz alleine immer wieder heimkehre, um eine kleine private Schlafkur durchzuführen, so dass ich von der Stadt niemals mehr sehe als die Anfahrt, oder den Bahnhof. Laptop, Room Service, Bücher, WLAN und Schlaf. In solchen Zimmern ohne Aussage, in denen doch schon so viel geschehen ist, kann ich versinken und mich zwischen die Laken streichen, um auf verschiedenen Kanälen aus Farbträumen zu wählen und fast beliebige Erinnerungen aufzusuchen, die oft an andere Räumlichkeiten gebunden sind. Oft, aber nicht alle.

Unser zuckrig weißer Hochzeitskuchen starb auf solchen Laken, die Narbe links am Knie entstand in so einem Bett, weil ich schlief, statt die Wunde zu versorgen. Wohlig entspannt, oder am ganzen Körper zerschunden und blutig. Mit dem festgewachsenen Telefonhörer oder mit einer Kiste Bücher, fluchend halb auf dem Nachtisch balancierend aufgrund des vergessenen eigenen Modemkabels oder mit einem Waschbecken voller Eiswürfel aus dem Automaten, um den Champagner zu kühlen. Mit Blick auf ein tristes Vergnügungsbad oder den Times Square, einen Bahnhof oder das Zimmer gegenüber.

Meistens komme ich in einem dieser brav gediegen eingerichteten Zimmer auf eine Art zum Stillstand, für die andere viel Zeit in Yoga investieren.

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