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Alles ist prima « | » Frisch vom Arbeitsplatz

Das Fleisch war billig, und der Geist, hm ... schwach?

Es gibt eine ferne kleine Mailingliste, die dem Austausch dient, was auch sonst, und von denen hier wahrscheinlich niemand mitliest. Doch selbst wenn, was soll’s. Dort draußen tummelt sich ein bunt gemischtes Völkchen, von denen ein jeder sich die ungeteilte Aufmerksamkeit der anderen erwartet, wenn sich eine wichtige Frage für das Überleben im Alltag auftut. Besonders beliebt aus für mich nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen: Öffentliche Krisensitzungen rund um das Thema »Was koche ich, wenn …«

Zum Beispiel: Was koche ich, wenn eine Schwiegermutter und drei Bulimiker zum Essen kommen sowie der mäkelige Cousin Erwin, der obendrein glutenfrei essen muss? Oder es werden authentische Grillrezepte für die anderen fünfzig Teilnehmer der vegetarischen Wikinger-Volkstanzgruppe aus dem örtlichen Karnevalsverein gesucht. Oft werden die möglichen Antworten noch beschränkt durch besondere Umstände, ob es nun ein fehlender Backofen, wenig Zeit oder eventuell sogar von vornherein abwesende Kochkenntnisse sind. Es darf (wie immer) absolut nichts kosten, muss sich praktisch von selbst kochen und eine absolute Delikatesse sein, mit der man originell dasteht.

Nun wird also die Mailingliste gefragt, ganz so als wäre Google kaputt, und daraufhin passieren genau zwei verschiedene Dinge. (1) Zunächst geben mindestens 80% aller Mitlesenden äußerst ausführliche, hilfreiche und detaillierte Tipps und auf Rückfrage auch genaue Rezepte ab, die alle Anforderungen erfüllen und richtig lecker klingen.

Dann vergeht erst eine geraume Weile, manchmal verstreichen auch mehrere Monate - plötzlich meldet sich dann (2) der Fragensteller oder die Fragenstellerin locker-flockig zurück in der virtuellen Runde, bedankt sich bei den bis zu 48 Hobbyköchen für die tollen Mails und erklärt, er hätte sich dann kurzfristig doch noch für Fischstäbchen aus der Mikrowelle entschieden. Oder mal eben Kohl zerschnippelt und ganz rustikal mit Essigmayonnaise übergossen, das wäre dann auch sehr fein irgendwie gegangen, ja, doch.

Diese Menschen fragen nicht, um das passende Rezept oder Inspiration für ein Büffet zu finden. Sie sind vielmehr daran interessiert, möglichst viele Personen wissen zu lassen, dass sie ein Sozialleben haben, in dem gelegentliche Festivitäten stattfinden. Dass hilfreiche Personen lange Texte tippen und tolle Familienrezepte heraussuchen, ist nur ein netter Nebeneffekt. So ähnlich, als ob einem jemand den Rücken krabbelt.

Wenn man dieses »Ich habe mich dann doch für [hier beliebigen widerlichen Pamp einsetzen] entschieden, aber trotzdem danke für die tollen Rezepte« mehrmals miterlebt hat, dann fragt man sich ja doch ein wenig, welchen Zweck es wohl hat, online andere um Rat zu fragen.

Und kommt unweigerlich mal wieder zu dem Ergebnis, dass es wohl irgendwelche Neuronen stimulieren muss, gegen wohlwollende Empfehlungen aufzubegehren und das genaue Gegenteil zu tun, auch wenn das deutlich schlechtere Ergebnisse bringt.

Diesmal falle ich also nicht drauf rein. Kocht doch, was Ihr wollt.

Dienstag, 17. Januar 2006 um 12:07 AM
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Manchmal habe ich auch den Eindruck es geht in Foren und Mailinglisten nur um zwei Sachen: Mitleid und Anerkennung. Ratschläge und Tipps wie man den momentanen Zustand verbessern könnte und Grundsätzliches ändern sind hingegen nicht gefragt. Denn das ist es ja nicht was man will. Man will jammern und/oder bestärkt werden in seinem kruden Weltbild. “Natürlich musst Du mit 45 noch nicht wissen wie man Apfelkompott kocht.” “Es ist völlig normal, wenn Du deinem Mann eine Szene machst, weil seine Mutter ihm einen Pulli geschenkt hat und Du den Verdacht hegst sie kann Dich nicht leiden.” “Es ist absolut richtig seine Kinder jahrelang mit im Ehebett schlafen zu lassen und natürlich ist Dein Mann ein Schwein, wenn ihm das nicht gefällt, weil er gerne mal wieder Sex hätte, ohne dass jemand im Winnie Pooh Schlafanzug einen halben Meter daneben schnorchelt.”

Wer argumentatorisch aber dagegen hält, ist eh ein Klugscheisser und Alleswisser und eingebildet und doof. Und Dankbarkeit zu erwarten für mühevolle getippte Antworten ist sowieso uncool.

Frau G.  am  17. Januar 2006

Ne, ich weiß nicht. Es geht schon auch um Beratung. Es gibt definitiv Menschen, die sich drei Dutzend andere Meinungen anhören ‘müssen’, bevor sie sich “trauen”, ein Rezept zu kochen oder gar, oh Schreck, ein preisreduziertes Kochbuch zu kaufen und die ihre sachten Überlegungen diese Schritte betreffend für überaus öffentlich diskussionswürdig halten.

Man stelle sich nur vor, sie würden es einfach machen, ohne groß damit zu nerven. Wow. Was dann wohl geschehen würde? (Ich könnte jetzt fünf Fragezeichen setzen, um das Ausmass der Verzweiflung deutlicher zu machen ...)

melody  am  17. Januar 2006

Ersetze Rezeptfindung durch Kindererziehung (das mit dem Besuch dann einfach vernachlässigen), und man kann das 1:1 auf ein mir gerade in den Sinn kommendes Forum anwenden ;-)

Nicole  am  17. Januar 2006

Ja, so ein Forum kenne ich auch, Nicole ;-)

Und sonst: Manche Menschen labern vielleicht auch einfach nur gerne. Da nehme ich mich gar nicht aus :-) Aber wenn sich jemand Mühe macht, und dann dauernd so aufläuft, das ist dann schon schade.
Mir geht das mit den Rezepten meist anders: Ich lese irtgendwo eines, das gar nicht für mich, sondern für einen verzweifelten Fragesteller (s.o.) gedacht war und koche es einfach :-) Und wenn ich dran denke, dann danke ich dem Schreiber für das leckere Rezept. Ist viel unkomplizierter.

Petra  am  17. Januar 2006
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