Wärmer wird es

Der Mensch an sich neigt zum Temperaturausgleich wider jede Jahreszeit und wir wohnen nicht mehr so unterkühlt wie vorher und sind auch wesentlich mehr unterwegs, so dass ich in diesem Jahr die Gelegenheit zu einer offensichtlich längst fälligen Feststellung habe.

Früher dachte ich, es ödet mich einfach nur bis an den Rand allen Beschreibbaren an, wenn jemand etwas vorliest, das ich auch auf Papier zum Selbstlesen erhalten könnte, denn warum würde ich sonst einschlafen, sobald sich jemand auf einem Podium an eine Lesung macht? (Es ist tatsächlich so, wenn ich nicht aufpasse, döse ich schon bei den ersten Sätzen weg. So kann man sich eine Menge Ärger einhandeln, ohne es je bös gemeint zu haben oder wirklich nachlässig zu sein, ich vermeide seitdem jegliche Vorleserei großräumig.)

Außerdem nahm ich an, dass es nun aber mal langsam Zeit für die Selbstständigkeit wurde, als ich sowohl in London, Paris und auch Lissabon nur mit allergrößter Mühe ein Nickerchen unterdrücken konnte auf unterschiedlichen Konferenzen, obwohl der Chef daneben saß und ich mich im Grunde darauf vorbereiten sollte, selbst Ergebnisse zu präsentieren, statt mich auf Schnarchvermeidung zu konzentrieren. Bisschen Leidenschaft sollte man haben für das, was man tut. Dass internationale Business Trips sich enorm abnutzen in der Aufregung, wenn man sie denn tatsächlich unternimmt, ist ja auch nichts Neues, so fand ich das damals eine natürliche Entwicklung (und wechselte aber erst mal in den IT-Bereich, wo ich bei den Meetings deutlich wacher blieb. Das Fenster war meist auf.).

So allmählich stelle ich jetzt fest:

Es ist mitnichten (nur) so, dass mich einiges so wenig interessiert, dass ich einfach einschlafe - was ich da habe, ist eine Art Klimaanlagenallergie.
Einerseits erkälte ich mich in künstlichem Klima sehr schnell ganz mörderisch und habe dann wochenlang damit übel zu tun, andererseits führt die gekühlte Luft bei mir zu einer großen, erschöpfenden Mattheit, die mich ziemlich schnell überfällt und ganzkörperlähmt. Wenn ich dann nicht in Bewegung bleibe, nicke ich auch während laufender Unterhaltungen oder in Autos fremder Kamikazefahrer ein.

Ich erinnere mich an Meetings, in denen ich verzweifelt versuchte, die Augen offen zu halten, die furchtbar müde brannten. Der Kopf wollte auf die Tischplatte, ich will gar nicht wissen, wie oft ich auf jemanden komplett uninteressiert gewirkt habe, obwohl ich nur gegen die gekühlte Luft kämpfte. Es war eine Qual, dass auch das dreckige Krankenhauszimmer ‘klimatisiert’ war, die Erkältung habe ich immer noch.

Ich sollte den Plan vergessen, in mein neues Büro eine Klimaanlage zu setzen.