Wie bitte II

Tatsächlich habe ich dann gewartet. Zwölf Personen waren im Wartezimmer, als ich 17 Minuten nach meinem Termin in der Praxis ankam. Acht Menschen kamen nach mir.

Insgesamt zwanzig Personen kamen vor mir dran.

Ja, richtig gelesen. Alle. Als ich dann nach fast vier Stunden wieder ging, nahm ich den letzten Mantel vom Haken.

Da ich aber beschlossen hatte, mich nicht aufzuregen, blieb ich einfach in aller Seelenruhe sitzen und las, was dort so an Yellow Press herumflog. Auch die Helferin, die dann auf einmal alle Illustrierten mitnahm (!), um sie vorne auf den Tresen zu schichten, konnte mich nicht erschüttern - dann las ich eben nicht mehr. Wenn ich einmal beschlossen habe, mich nicht aufzuregen, rege ich mich auch nicht auf.

Die Telefonschrulle war unter den anwesenden Damen schon vor der Stimmprobe mühelos zu identifizieren, hübsche junge Mädels und gut organisierte gepflegte Frauen sind nicht so leicht durch eine Terminverspätung aufzuwühlen. Wer unhöflich ist, drastisch wenig kapiert und damit überfordert ist, einen kurz verspäteten Termin eine halbe Stunde später wieder einzuschieben, sieht in der Regel leider auch so aus (und wirft außerdem ‘solche’ Blicke).

Damit kann man sich nicht aufhalten, ehrlich nicht.

Wenn man dann einmal gelernt hat, erkennbar unerfreulichen Menschen großräumig auszuweichen, so kann man diese Tugend verfeinern. Ich perfektioniere das seit Jahren immer weiter und werde kontinuierlich besser.

Ein ganzer Vormittag beim Arzt also.

Aber kein verschwendeter, denn: Obwohl ich das Gefühl hatte, auf einem Ohr plötzlich wesentlich schlechter zu hören und seit Wochen von einem freundlichen dahinpfeifenden Ohrgeräusch begleitet werde, besteht laut diesem HNO keine Gefahr eines Hörsturzes. Das eine Ohr ist ein Häppchen schlechter drauf, aber ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste.

Spaß hatte ich auch, denn mir gegenüber wartete ein ca. dreißigjähriges Exemplar der Sorte “Bambiblick mit Donnerglocken”, die in glitzernden Stiefelchen und mit Hello-Kitty-Täschchen zu ihrer MUTTER darüber zeterte, dass man sie in ihrer Firma so gar nicht für voll nehmen würde. Drei Buchstaben: LOL.