Wenn man sich mit dem Azubi (oder ...


Wenn man sich mit dem Azubi (oder irgendjemand anderem zwischen 17 und 25) unterhält, ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieser Satz kommt. Entweder erzählen sie von selbst, was sie so die nächsten 50 Jahre vorhaben und wo sie sich dann sehen - das ist die wahrscheinliche Variante. Oder man fragt mal nach, was denn so geplant ist. Und dann kommt er, dieser Satz. Eingebettet in grosse oder kleine Pläne und Erläuterungen folgt ein “ich bin ja noch jung, also ...”

Wer hat diesen bedauernswerten ehrgeizigen Kindern eigentlich erzählt, das Leben sei mit Anfang 30 vorbei und bis dahin müssten sie die spannendsten und ergebnisreichsten Dinge ihres Lebens gefälligst hinter sich gebracht haben? Mir liegt es auf der Zunge zu sagen “arbeitslebentechnisch betrachtet ist es deswegen interessant, dass Du jung bist, weil Du billig und relativ formbar bist und trotzdem ackerst wie ein Gaul”, aber das wäre nicht nett und so lasse ich das. Ehrlich, ich verkneife es mir. Meistens. Vielleicht spöttele ich ja nur, weil ich dieses “Mannomann, irgendwann fährt dieser Zug weg!” Gefühl überhaupt nicht kenne. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals gedacht zu haben “au weia, noch bin ich jung und deswegen werde ich jetzt schnell mal grosse Pläne ausführen, bevor es zu spät ist”.

Wenn ich den Sommer über abhauen und am Meer wohnen wollte, habe ich das gemacht und wenn ich einen Job hinschmeissen wollte, weil er Buchhaltung beinhaltete (und das bin nun mal nicht ich), dann hab ich das eben getan. Wenn ich was Neues lernen wollte, das damals noch keiner für besonders logisch hielt, habe ich es trotzdem getan (Ihr surft gerade drauf). Und so weiter. Und sieh her, jung oder so furchtbar alt wie heute, ich bin immer noch auf die Füsse gefallen - und das sage ich nicht, um mich selbst zu beruhigen *g* :-) sondern weil es eben so ist. Nie käme ich auf den Gedanken, irgendwas schnell noch zu tun, falls der Zug abfährt :-) dann nehm ich halt den nächsten.

Also, wenn ich das so bedenke ist es wahrscheinlich ein furchtbarer Irrtum, dass in meinem Ausweis steht, ich wäre Jahrgang 1966. Wahrscheinlich bin ich in Wirklichkeit 19 und werde nächste Woche damit beginnen zu sagen “noch bin ich jung, also kann ich dies und das noch tun”. Solange ich dabei nicht wieder anfange, Sex und Männer als Motor des Universums zu sehen wie vor äh zehn Millionen Jahren ... solange wird auch niemand herausfinden, dass ich 19 bin und wenn Ihr dichthaltet, merkt es garantiert auch keiner. Sie werden mich für eine junggebliebene dynamische 33jährige halten. Nicht, dass ich schon graue Haare hätte oder sowas, ui nein. Aber das kommt schon noch. Noch bin ich jung, aber bald, bald. Bald werde ich die runzligste 19jährige im Internet sein, ich spüre das erste Fältchen beinahe schon, wie es mit einem leise crackenden Geräusch den Weg in meine Augenwinkel findet. Es kann sich nur noch um wenige Wochen handeln, bis ich ein Fall für Hormocenta und Co bin. Bis dahin werde ich natürlich leben. Noch kann ich das ja, bei der ersten Falte ist es mit Sicherheit vorbei.
Also, auf und mit Gebrüll :-)

Melody

P.S. Nein, ich habe den armen Azubi nicht geärgert, der übrigens ansonsten ganz pfiffig ist. Ich fürchte nur, dass ich ein hysterisches Kichern von mir gebe, ein unterdrücktes, wenn ich diesen dämlichen SATZ höre. Und so schlau all diese New Kids on the Rocks auch sind, sie sind allesamt nicht clever genug, schon jetzt zu kapieren, dass man immer nur so alt ist, wie man lebt.

P.P.S. Wenn man mich zwingen würde: Ich wär lieber zehn Jahre älter mit allen dazugehörigen Erfahrungen als 10 Jahre jünger ohne. Meine Güte, der ganze Mist und die holde Unerfahrenheit noch mal…. das dann doch lieber nicht.