Vor 10 Jahren

Nachdem der Eintrag nun doch auch anderswo verlinkt wird, obwohl er sich ja nur auf mein persönliches Erleben bezieht, muss ich doch glatt noch ein bisschen ergänzen :-)

In 1994 hatten nur wenige Firmen an jedem Arbeitsplatz einen PC, ich selbst war in meinem ersten Job bei Panasonic Technics die einzige Person mit Computerkenntnissen außerhalb der hauseigenen Buchhaltungsanlage gewesen und saß nun an einer Sun Workstation mit dem wunderbaren windows-basierten Globalview, ohne damals schon zu ahnen, wie gut ich es hatte an meinem 21” Monitor und der ganzen Power des Globalnets.

Privat leitete ich einen internationalen Faxfreunde-Club mit einer monatlichen Zeitung. Ein halbwegs brauchbarer Computer war für unter 5.000 DM kaum zu kriegen, ein Monitor von 17” war groß und das 28.800er ein verdammt schnelles Modem. BTX war die einfachste Möglichkeit für Nichtstudenten, online zu gehen. Mailboxen waren jedoch der Ort, an dem die Action stattfand und das Buch Lange Leitung von Fredrika Gers war der erste deutschsprachige Mailbox-Roman ohne Science Fiction Elemente (wenn man mal von den Microchips in Tampons absieht, hm).

Sobald ich mich einem PC näherte, kamen acht Männer gerannt, um mich vor der Technik zu retten und das änderte sich auch nicht, wenn ich sie auf der Alternativkiste bei Leisure Suit Larry abgehängt hatte oder als einzige mit der Sun und der Präsentationssoftware mehr als einfache Balkendiagramme machte und damit ihren Arsch rettete, weil sie vorher behauptet hatten, es zu können und dann nichts hochbekamen. Vom Server.

Daheim hatte kaum jemand einen PC, aber viele Leute über ihren Fernseher oder ein kleines Terminal BTX, zumindest viele, die ich kannte – das war vermutlich faxclubbedingt, es waren viele gehörlose oder gehbehinderte Menschen im Club, die sich mit diesen hilfreichen Techniken gut auskannten. BTX-User wurden auf Wunsch durch eine Sperre bei 600 DM monatlich vor sich selbst geschützt, wer ein privates Faxgerät hatte, war schon verdammt innovativ und als ich fragte, warum man denn an der Entwicklung eines Farbfaxgerätes arbeiten würde, wo es doch E-Mail gibt, wurde ich von den Jungs ganz laut ausgelacht, denn von denen schickte eigentlich niemand jemals Datei-Anhänge. Etwa 15 Stunden jede Woche wurden damit verbracht, Daten aufzubereiten, die ich mit heutigen Bordmitteln in einer halben Stunde in die Druckerei jagen würde. Disketten waren unterschiedlich groß bis ziemlich riesig, jedenfalls die meisten, denen man auf der Arbeit begegnete, um mit verschiedenen Ausgabegeräten irgendwelche Daten runterzuholen. Ich kannte einen, der kannte einen, der hatte einen Bekannten mit Scanner und scannte mal ein Passfoto von mir für mich, aber ich musste dafür nicht mal mit ihm schlafen.

Ja. So war das damals. Also für ‘normale User’ wie mich - dass es sich mit etwas Pech nur um Minuten kann, bis ein Hardcore-Geek von 1872 in den Comments triumphierend seinen immer noch funktionierenden und sich am Drittrechner in Gebrauch befindlichen Akkustikkoppler schwenkt, ist mir völlig klar.

Die Leute waren weder schlechter noch netter, es gab nur weit weniger davon online und die technischen Herausforderungen waren andere. In 1998 rief die Geschäftsführerin mich zu sich (und ich meine: Die Geschäftsleitung Personalbereich in einem Konzern, nicht vom Hausfrauenclub aus der Vorstadt) und fragte mich besorgt, ob ich einsam sei, sie hätte von diesem Internetbuch gehört, das ich geschrieben hätte. Denn das Netz, das stand allgemein und rundherum für Hacker, Kinderpornographen und komplett verkrachte Gestalten, die Tag und Nacht nichts Besseres zu tun hatten, als ihren Autismus erfolglos in fragwürdigen Aktivitäten zu ersticken. Dass ich mich prompt vor Kichern verschluckte und fast seitlich vom Stuhl sackte vor haltlosem Lachen wird nicht dazu beigetragen haben, dass diese Dame ihre Meinung änderte.

Jetzt ist jeder online und alles könnte so schön unauffällig ablaufen, aber nein, jetzt werden ausgerechnet Blogs zur weltweit gehypeten großen Mode. Das sitze ich jetzt auch noch aus.