Vor-Nikolaustag

Erst ging die Tür nebenan auf und im Flur landete ein Paar Reitstiefel - der linke vorsorglich mit einem Foto des kleinen Bruders garniert. Ein altes Foto zwar, aber der Nikolaus würde ihn schon erkennen.

Wir kamen da gerade nach Hause und Oliver würdigte die geschickt gewählte Stiefelgröße anerkennend. Wir begannen dann, uns ein bisschen um den einzelnen kleinen Turnschuh zu sorgen, der im Erdgeschoss vor einer Tür herumstand. Wussten die Eltern von dem jungen Mann überhaupt, dass dieser per Turnschuh auf den Nikolaus hoffte? Der Turnschuh war ja auch ziemlich dreckig.

Die Tür nebenan ging noch mal auf und die Stiefel wurden kontrolliert und anders angeordnet, an den einen wurde noch eine dekorierte Weihnachtssocke gehängt, damit er besonders verlockend aussah. (Ja OK, wir guckten auch auf den Flur. Aus Gründen.)

Der einsame Turnschuh also. Wir durchsuchten unsere eher nichtvorhandenen Süßwarenvorräte und fanden nichts Präsentables. Entschieden uns dann, aus einem noch nicht verschickten Geschenk einen mittelkleinen netten Stoffelch mit Weihnachtsschal zu zupfen und in den Turnschuh zu stecken.

Nebenan die Tür ging noch einige Male auf. Dann gab es eine lange Pause, dann kamen größere Personen und taten Schokolade in die Stiefel. Das wissen wir, weil wir gewartet haben, bis sie weg waren, um auch etwas hineinzustopfen. Da wir von dem genialen Fototrick von Lea nichts geahnt hatten, waren unsere kleinen Geschenke aber beschriftet.

Dann ging Oliver ins Erdgeschoss und stellte fest, dass jetzt neben dem kleinen Schuh ein Tütchen mit Süßigkeiten stand. Als er sich bückte, um den Stoffelch trotzdem in den Schuh zu stecken, kam der 17jährige Sohn der Nachbarn aus dem ersten Stock nach Hause und erwischte ihn dabei.

Ich gehe davon aus, dass er jetzt denken wird, Oliver hätte das Kind beklauen wollen. Vielleicht muss ich aber auch bloss die Lachtränen abwischen, um wieder klar zu sehen.