Vor der Zeit zwischen den Jahren

Die Tage waren noch niemals so lang wie jetzt. Sie sind trotzdem kurz nach dem Aufstehen vorbei, selbst wenn man sich um Einhaltung des klassischen Modells bemüht und es morgens tut, dann erst duscht, frühstückt. Was sowieso nie ohne Unterbrechung in dieser Reihenfolge klappt. Es gibt keine Mahlzeiten, ohne dass einer von uns ein Klöpschen im Arm hält, das knarzend und brabbelnd am Fläschchen hängt.

Nicht die schlechteste Art, einen Tag zu verbringen. Sie wächst so schnell. Jeden Tag sind irgendwelche Kleidungsstücke zu klein, jetzt hat sie definitiv Größe 62 erreicht und ist somit offiziell 15 cm gewachsen seit ihrer Ankunft. Noch 20 Pampers aufbrauchen, und wir wechseln auf die nächste Größe. In 48 Stunden also. Manche gefüllte Windeln wiegen etwa 4000 Gramm, vor allem morgens um Fünf. Den Rücken hochkacken kann man sich übrigens auch, wenn man nur strampelig genug ist. Dann aber schnell Beschwerde einreichen.

Gestern hat sie gelernt, sich von der Seiten- in die Rückenlage zu kollern und mit großem Ernst immer wieder das dicke Beinchen sorgfältig herumgeschwungen und ihr Gewicht zurückverlagert, wenn ich sie seitlich lagerte. Danach dieses Strahlen: Ich kann’s!

Die Eltern möchten nicht alleine schlafen und können nicht widerstehen, wenigstens zwischen zwei Dämmerungsfütterungen ein Baby im Bett zu haben. Ob das Baby insbesondere der Mutter dieses klammernde Verhalten wieder abgewöhnen kann, wenn es in Ruhe alleine durchschlafen will, ist noch nicht abzusehen.

Bisher drückt es der unvermeidlichen Küsserei von Mama noch die Bäckchen entgegen, damit auch bloß das ganze Gesicht etwas abkriegt. Hach. Der Mann stellte erstaunt fest, dass auch er gegen das Wangenkneifen bei Pausbäckchen nicht völlig immun ist. Babymädchen kann viele ernste, gewissenhafte, nachdenkliche und strafende Gesichtsausdrücke, schmunzelt gelegentlich und lächelt sehr selten. Noch.

Wir haben Weihnachten 2007 nicht organisiert bekommen. Keine Plätzchen, keine Kerzen, keine Deko, nicht einmal Karten oder Geschenke habe ich so richtig geschafft bisher. Stattdessen habe ich unser Wohnzimmer (genau, das sehr große) ungefähr zur Hälfte mit zwei Dutzend riesiger bunter Sitzpolster gefüllt, die eine Sitzlandschaft im marokkanischen Stil hätten werden sollen. Die es aber nicht werden können, weil der Hersteller die Größen falsch angegeben hat, so dass die Lehnen nicht auf die Bodenpolster passen. Die ganzen vielen Polster werden also wieder abgeholt, aber natürlich erst nach dem Fest. Auch eine Art von Deko, finde ich.

Eventuell werde ich ein paar Katzen obendrauf legen und sie mit dem puscheligen Schal zudecken, den meine Mutter mir zu Weihnachten geschenkt hat, nachdem ich ihr letztes Jahr endlich gesagt hatte, dass ich keine Schals trage und es deswegen keinen Zweck hatte, mir seit 15 Jahren jedes Jahr einen zu schenken und dass ich bitte keinen mehr möchte. Dieser Schal ist grau und ich ertappe mich ständig dabei, dass ich ihn aus Versehen fast streichele, weil ich ihn für eine der vernachlässigiten Knödelkatzen halte.

Morgen holt Oliver das Roastbeef, bisher unser traditionelles Weihnachtsessen. Ab dem nächsten Jahr steigen wir vernutlich auf Bananenbrei mit Dinkel für alle um.

Tut es mir leid, dass ich es nicht geschafft habe, hier wenigstens eine Ladung Plätzchen zu backen oder einen Baum zu besorgen, den Kenzo in eine Milliarde Einzelstücke zerlegen kann? Ja, aber auch nein. Das Baby ist noch zu klein, sie wird eine Handvoll Kerzen und einen Greifling genau so anstaunen wie einen riesigen Baum. Und ich musste lernen, dass man nicht immer gegen Erschöpfung angehen kann, wenn man aus gutem Grund völlig ausgebrannt ist, weil man sonst irgendwann einen hohen Preis dafür zahlt. Den ich kein zweites Mal zahlen kann.

Mails und Karten kann ich auch im nächsten Jahr noch schreiben. Wir hatten ein paar nette Besucher und freuen uns auf einige weitere in der nächsten Zeit, es muss ja nicht immer alles hochstressig werden.

Aus ganz kleinen Nasen kann man auch lange und nur teilweise feste Popel übrigens am besten herausholen, wenn man ein Papiertaschentuch zu einer dünnen Spitze zusammendreht, in die Nase steckt und das Nasenflügelchen ganz leicht andrückt und dann das Papiertuch samt Popel wieder herauszieht. Selbst wenn es nicht völlig klappt, muss das entsetzte Baby vermutlich so ausgiebig niesen, dass der Popel danach in Reichweite sitzt.

Keinen Stress zu haben und sich auch keinen zu machen ist übrigens wunderbar.