Am Ende siegt die Schwerkraft.

Aber bis dahin? Wer weiß.  Das Babymädchen möchte herumkollern. Sie hebt die Beine und schwenkt dann den Hintern nach rechts. Manchmal hilft die Schwerkraft und sie kräht auf der Seite liegend vergnügt herum.

Immer nach rechts kollert sie. Kommt gar nicht auf die Idee, links auch mal zu probieren.

Ganz wie die Mutter. Letzte Woche im Sportkurs konnte ich mal wieder feststellen, dass ich nicht aufstehen kann, oder nur nach rechts – und rechts ging nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich einen Unfall, bei dem ich auf dem rechten Knie gelandet bin, die Schmerzen aber für eine einfache Prellung hielt. Am nächsten Tag hätte ich sicherlich ins Krankenhaus gemusst, nur war ich in einem fremden Ort im Hotel und habe es nicht mal bis zur Zimmertür geschafft, also lag ich dort einige Tage herum, bis ich begriff, dass mir tatsächlich niemand von denen helfen würde, die ich darum gebeten hatte – und ich schleppte mich irgendwie zum Auto und mit diesem irgendwie ein paar Hundert Kilometer bis zu Ari, wo ich dann nochmals herumlag, bis Oliver einfliegen und den Wagen und mich quer durch die Republik nach Hause holen konnte.

Seitdem ist das Knie ein bisschen problematisch. Mir war zuerst nicht klar, dass ich nach dem Kaiserschnitt und allen Begleiterscheinungen plus Knieproblem einfach nicht in der Lage sein würde, vom Boden aufzustehen, wenn ich mich dummerweise dort niedergelassen habe. Herausgefunden habe ich das dann natürlich, indem ich mich auf den Boden setzte und dort buchstäblich festsaß, wie auch sonst. Ich kann nur auf dem rechten Bein aufstehen, und das kann das Bein seit dem Unfall nicht mehr. Um vom Boden wieder hochzukommen, muss ich eine Säule umarmen oder mich quer über einen Stuhl legen und dann mit links hochkommen oder einen Haltegriff frontal haben, an dem ich mich langsam hochziehen kann.

Das hört sich nicht sehr elegant an?

Stimmt. Das ist es auch nicht. Im Sportkurs habe ich dann den letzten Fensterplatz verpasst und wusste: Das gibt beim Aufstehen ein Problem. Trotzdem setzte ich mich auf den Boden. Mit dem Ergebnis, dass ich durchs ganze Zimmer auf allen Vieren zum Fensterbrett krabbeln und mich hochziehen musste, als der Kurs vorbei war.

Eine Frau hielt so lange das Baby für mich und während ich so nach einer Möglichkeit suchte, mich am Fensterrahmen zu halten, merkte ich, dass sie mit einem ganz sanften Tonfall auf mich einsprach (ich erkenne ausgebildete Pädagogen, aber erkennen sie mich auch?). So beruhigend, im Sinne von »Du, lass dir Zeit … ich halte das Kind, du schaffst das …du hast alle Zeit der Welt ...«

Dass ich anfing, nach Luft zu schnappen, hat sie ein bisschen beunruhigt, glaube ich. Aber ich musste einfach so lachen und war doch in einer unglaublich schlechten Position dafür, so halb überm Fensterbrett hängend auf der Suche nach einem Halt, um mich wieder in eine stehende Position zu bringen.

Diese liebe Frau hatte großes Mitleid mit mir und dachte, ich brauche Trost und Zuspruch. Während ich aber von Kopf bis Fuß von dem genialen Gefühl durchdrungen war, dass ich mich weder durch Schmerzen noch durch Trainingsunlust der letzten Monate noch durch mein Knie noch durch widrige Umstände und schon gar nicht durch mein aktuelles Kampfgewicht davon hatte abhalten lassen, an dem verdammten Kurs teilzunehmen und mich absolut als Siegerin über alle finsteren Mächte des Universums fühlte, weil es mir nämlich im Grunde scheißegal war, ob ich über den Fußboden kollern musste, um wieder aufzustehen. Hauptsache, ich hatte mich durch die schwierigen Umstände nicht davon abhalten lassen, überhaupt teilzunehmen.

So unterschiedlich können die Wahrnehmungen sein.

(Ich habe dann noch kurz versucht ihr zu erklären, dass sie mich nicht trösten musste. Ob das Sinn hatte, wer weiß.)