Rote Bete

Eine Bemerkung vorab: Ich bin mir vollkommen darüber im Klaren, dass kein Disclaimer und keine Erläuterung mehr ändern können, dass bei jedem Rote-Bete-Rezept jemand aus dem Busch springt und die lustige Vermutung äußert, dass es mir nicht schmecken würde. Man darf einfach nicht zu viel erwarten.
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Es war einmal ein Rezepte-Newsletter einer großen Frauenzeitschrift, nennen wir sie der Einfachheit halber und weil sie so heißt Brigitte. Den hatte ich wie diverse andere Foodletter abonniert und archivierte brav Rezepte, für die ich dann doch nie die Zeit finden würde. Alles wie gehabt.

Bis eines Morgens ein Rezept im Betreff stand, bei dem es mich kurz schudderte. Wozu man ergänzend bemerken muss, dass ich nicht erwarte, dass jemand je meinen Geschmack oder meine Ansichten teilt. Aber es waren entweder irgendwelche Kuchen, die mit Roter Bete gefärbt wurden oder ein Rezept für Meerrettich-Mousse mit marinierter roter Bete oder ähnlich und mich grauste spontan.

Also schrieb ich eine kurze Facebook-Statusmeldung, um das aufzuarbeiten („Ernsthaft, Brigitte-Newsletter? Rote-Bete-Sülze an Petersilienmousse-Kapernbällchen?“ oder ähnlich).  Die Reaktionen waren exakt so, wie man es erwarten konnte.

Die Leser, welche ich auch nach 19 Jahren online nicht als „Follower“ oder „Fans“ bezeichnen will und nicht alle gut genug kenne, um „Freunde“ daraus zu machen, ganz egal wie Facebook es sieht, waren meiner Meinung oder nicht. Einige gruselten sich mit, andere ergriffen Partei für die arme rote Bete oder bekundeten Appetit, einige nannten ihre Lieblingsrezepte mit roter Bete und andere erläuterten, dass sie Gewürzgurken oder generell Fleisch nicht mochten.

Damit hätte die Rote Bete aus meiner Timeline verschwinden können, wäre der Newsletter nicht so seltsam mutiert. Gefühlt kam fast jeden zweiten Tag ein Rezept für karamellisierte Rote Bete an Roquefort-Dip, Orecchiette in Roter Beter in Meerrettich-Sahne, Rote-Bete-Knödel auf Dillgurkenschaum und so weiter in meiner Mailbox an.

Ich gewöhnte mir an, diese Anhäufung kurz auf Facebook zu kommentieren. Finde es auch heute immer noch skurril, dass über einen so langen Zeitraum immer wieder Rezepte mit ausgerechnet diesem Gemüse beworben wurden und hatte Spaß damit, dass andere das auch als seltsam empfanden.

Natürlich wurde es dann ein Selbstläufer.

Gelernt habe ich, was ich eigentlich schon wusste. Wenn der Rote-Bete-Ball erst mal rollt, helfen keine Erklärungen und keine Disclaimer mehr.  Ich könnte jetzt noch jahrelang erklären, dass ich ab und zu (wenn auch sehr selten) ganz gerne Rote Bete esse und mich nur über skurrile Rezeptzusammenstellungen und –anhäufungen amüsiere, es würde mir rein gar nichts helfen, die Schublade „Rote-Bete-Hasser“ ist zu.

Menschen sehen und verstehen vor allem ihre eigene Perspektive einer Sachlage, und wenn es dabei nur um Scherze und Gemüse geht und um nichts Wichtiges, kann man froh sein.

Ob Brigitte nun Matjes mit Fenchelcreme auf roter Bete anpries, auf Rote-Bete-Rauke-Salat oder Rote-Bete-Eintopf mit Dill und Pfeffermakrele verwies, die tosende Menge von 3 bis 25 Kommentatoren fand und findet es viel interessanter, ob ich komisch bin.

Nicht, ob die Newsletter-Redaktion vielleicht mal ein zweites Gemüse gezeigt bekommen sollte.

Die ersten Chronikeinträge „Guck mal, da kocht noch jemand mit Roter Bete“ habe ich noch freigegeben, inzwischen ignoriere ich sowas häufungsbedingt einfach nur noch und arbeite weiter an meinem E-Book-Konzept „Viral mit Roter Bete“.