My Castle

Jeder Knochen tut weh. Sehr erfrischend. Ist es der alte Unfall, ist es die Schilddrüsenentzündung, ist es das Fieber, eine Grippe ist es jedenfalls nicht, es fühlt sich nur an, als würde ein Riese meinen Fuss zerquetschen und dabei mit gigantischen Fingern gedankenverloren auf dem Rest herumtappsen. Ich frage mich, was nun passieren würde, wenn ich nicht schon seit Wochen jeden lästigen Kleinkram erledigt hätte - dann würde die Jahresendorganisation über mir zusammenbrechen. Also frag ich mich das lieber nicht. Der PC ist nach zwei Jahren der erbitterten Software-Testerei wiedergeboren worden, hat saubere Platten und Programme und ist gut durchstrukturiert (nur Windows XP ist ein bisschen ekelig, aber da muss man wohl durch, wenn man es beruflich braucht). Der Laptop hatte einen Garantieaustausch der Festplatte und so bekam ich fünf Gigabyte dazugeschenkt. Ich sitze in dem größten Stuhl, den ich je irgendwo gesehen habe, und auch sonst fühle ich mich, als hätte ich Schrumpfpilze gegessen. Bald werde ich im Polster versinken und das war’s dann.

Zwei Tage lang habe ich keine Mails beantwortet, einfach weil ich sie aus der Datensicherung erst überspielen wollte, wenn das neue System aufgesattelt war. Wieder habe ich festgestellt, wie unglaublich hoch der Erwartungsdruck all der vielen Menschen ist, die lauernd auf ihre Antworten in den Ecken des Netzes sitzen. Gerade wenn man sich vor Schmerzen nur noch zusammenkauern möchte und Dunkelheit und Ruhe haben will, hat man das Gefühl, die müden Augen brennen förmlich, wenn sie fordernde, fragende, erwartungsvolle Texte lesen müssen. Aber wie soll man das verständlich machen, dass der größte Gefallen der wäre, keinen zu tun und keinen zu fordern, einfach nur in Müdigkeit versinken dürfen. “Schreibt mir!”, das versteht jeder und kann jeder nachvollziehen.

Bitte schreibt mir nicht ... das ist nicht nachvollziehbar, unverständlich für andere. An schlechten Tagen denke ich, es ist kein Wunder, dass zahlreiche Menschen so viel Zeit haben, sich selbst so wichtig zu nehmen und in Alltagsphilosophie zu flüchten: Kein Hunger, kein Durst, keine Schmerzen und zu viel Zeit, immer nur Klagen und keine Action, wo soll da das Leben herkommen?

An guten Tagen denke ich, dass auch dieser Unfall mit seinen Folgen eigentlich ein Geschenk ist: Zu wissen, dass die wichtigen Dinge im Leben nicht so ein Geschwalle sind, sondern die Konzentration auf das Wesentliche. Das Überleben. Schmerzfrei sein. Die Liebe. Probleme nicht künstlich und zusätzlich erschaffen, sondern die bestehenden wirklich ansehen und dann auch lösen.

Spread your wings and fly.

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Großes Wehklagen: “Aber wenn du nicht angeschrieben werden willst, wie soll ich dann ....” Ich ich ich ich ich. Immer “ich”. Wichtiger als ein kranker Mensch, der Ruhe braucht, ist das übermächtige Ego der Person, die erst ihre eigenen Bedürfnisse befriedigt haben will und wissen möchte “wie soll ICH damit umgehen”.

Schnauze halten, das wäre mein Vorschlag. Aber ich schweige und lösche.

Ich will niemanden verletzen, aber es ist auch nicht meine Schuld, dass jeder sich so übertrieben wichtig nimmt. Es wird mir bald besser gehen, das tut es immer. Und bis dahin reagiere ich nicht mehr. Baue mir ein virtuelles Eigenheim auf einem anderen Planeten, fern von Weblogland. Und diesmal werde ich nicht Türen und Fenster aufreissen, damit jeder sich reindrängen und ungefragt mit an den Tisch setzen kann. Hey.