Misserfolgsgeheimnis

Eine neue Crew bewohnt den Friseursalon drei Häuser weiter. Vor ein paar Wochen kam man noch in den großen hellen Raum und verspürte das dringende Bedürfnis nach weniger Mantel und einem Kaffee, während ein halbes Dutzend ältere Damen sich die Silberwellen nachschleifen ließen und vereinzelte männliche Junggesellen die Höhe des auszuscherenden Nackenbereichs diskutierten. Die Stimmung war gut, man hörte Getratsche und freundliches Gelächter. Ich war immer ein bisschen auf der Hut, denn manchmal wurde ich gewässert, obwohl ich nur die Wimpern färben lassen wollte und konnte dann ohne Haarschnitt nicht entkommen.

Heute morgen hätte ich vielleicht einen Haarschnitt genommen, aber schon im Eingangsthekenbereich grasten gleich vier schwarz gekleidete, schwarz gefärbte und mondän geschminkte junge Damen, die sich trotz unterschiedlicher Haarlängen durch die ganze Schwärze so ähnelten, dass ich erst mal blinzeln musste. Beim zweiten Hinschauen waren sie alle immer noch da: Rabenschwarze Mähne, knackenenge Mädchenkleidung und ein einheitlich unverbindliches, aber seeeeehr freundliches Lächeln. Vier schwarz umrandete Augenpaare, die jeden von oben bis unten begutachteten, die ganze Zeit und bei jeder Bewegung. Wohin man schaute: Zu viele Zähne, alles schwarz, aufmerksame Augen, die auf die Anwesenden gerichtet waren und zwar konsequent. Also auf mich, denn außer mir war niemand da. Ab und zu huschte eine Schwarzgazelle zur nächsten und wisperte ihr zu.

Wahrscheinlich habe ich mit den Schultern gezuckt, bevor ich mich trotzdem zum Bleiben entschied und mir aber diesmal nur die Wimpern färben ließ.

Warum die ganzen Omas wegbleiben, die dort sonst um diese Tageszeit anzutreffen waren, ist allerdings nicht schwer zu erraten.