Kunst am Bau

Man stelle sich einen Tag vor, der noch keine Richtung genommen hat und eine fast noch schlafende Frau, die sich trotzdem in die Küche begibt. An ihrem linken Bein hängt tief ein ganz kleines Mädchen mit rosa Brille - erwartungsvoll und sicherheitshalber ordentlich festgekrallt, krähend und quietschend in der begründeten Hoffnung auf ein Getränk und ein Marmeladenbrot.

Über die nun anliegenden Aufgaben herrscht Klarheit. Die Frau möchte Wasser in den Wasserkocher schütten, quietschmindernd mit dem Kind sprechen, einen Trinkbehälter finden und währenddessen das Wasser kochen lassen und schließlich Flüssigkeit und frisches Brot in das Kind einfüllen.

Doch zwischen Kocher und Hahn befindet sich ein um diese Tageszeit fast unüberwindliches Hindernis: Eine auf dem schmalen Mittelsteg zwischen den beiden Spülbecken sorgfältig ausbalancierte riesengroße schmutzige Bratpfanne. Randvoll mit Seifenlauge, zum Einweichen.

Die Frau steht vor der Spüle, in der Hand einen leeren Wasserkocher, während das Kind die Fingernägel in ihre Waden gräbt und um ein Frühstück kräht. Um die große Pfanne zu bewegen, ohne die Spüle und alles Drumherum mit Lauge zu tränken, bräuchte sie freie Hände und einen sicheren Stand. Zwei Sekunden Ruhe vielleicht auch noch.

Während sie das Einweichkunstwerk betrachtet, zittert die Oberfläche des Seifenwassers leicht, denn ein Bus ist am Haus vorbeigefahren.

Warum balanciert das überfüllte Hindernis mittig kippelnd auf den Rändern des Beckens, statt einfach sicher 40cm daneben auf der Arbeitsfläche zu stehen? Was ist der Sinn hinter wackeligen Einweichkunstwerken bei ausreichend Platz?

Das fragt sich die Frau, während sie das lauter werdende Kind beruhigt, den Wasserkocher wieder abstellt, die große Pfanne anzuheben versucht und prompt den Rand des Spülbeckens mit schmierigem Seifengemisch flutet.

Genau wie beim letzten Mal, als es ein sehr großer Edelstahltopf war, der auf dem schmalen Grat zwischen Alltag und Wahnsinn auf der Spüle stand.

Die Frau wischt die überflüssige Lauge weg, tränkt und füttert das Kind und ignoriert den brummenden Laptop, der beim Rumräumen zwischen Karotten und Küchentüchern auftaucht. Die Tochter massiert ihr Marmeladenbrot liebevoll unter die Tischplatte. Der Kater darf auch abbeißen.

Den Mann nach seinen Konstruktionen zu fragen hat keinen Zweck.

Er hat ein grünes und ein braunes Auge. Wenn die Frau sich über die Spülkunstwerke beklagt, leuchten grüne Funken im braunen Auge auf und sie weiß, dass er sie auslacht, auch wenn er nicht mit der Wimper zuckt. So wie er lächelt, wenn sie fragt, wie er immer wieder zu einzelnen Socken kommt, obwohl sie mindestens einmal im Jahr 15 identische schwarze Paare kaufen.

Der Tag wirft Sonne durchs Fenster, weil die Frau gelacht hat. Das Kind gähnt und stellt ein Glas millimetergenau an die Tischkante, um dann eine Bananenhälfte darauf zu legen. Sorgfältig ausbalanciert.