Kein Abschied

Herrn Schmidt herbeizurufen erweist sich im Computerzeitalter als einfachste Übung. In Ermangelung eines Ouija-Bretts und völliger Unlust, mit Gläsern zu rücken, setze ich den Cursor in ein Dokument mit sehr viel Text und lege einen Finger locker auf die Maus.

Ohne zu klicken rufe ich nach Schmidtchen, der nicht widerstehen kann und zunächst ein paar Buchstaben markiert. Ein zielsicherer Doppelklick befördert ihn ins Zimmer zurück. Es wird jedes Mal immer noch ein bisschen schwieriger, ihn wieder aus dem PC zu holen, seit er den Cyberspace für sich entdeckt hat.

»Wir müssen reden.« Er sieht aus, als würde er lieber seine Mails checken (.), steckt einen Zeh in den Kabelschacht und guckt betont gelangweilt, aber das Gespräch kann jetzt nicht mehr warten.

»Lieber Herr Schmidt, Sie müssen ausziehen.« Jetzt habe ich seine volle Aufmerksamkeit und finde, dass er leicht grünlich aussieht und etwas gefährlich schillert.

»Bitte lassen Sie mich ausreden. Ich kann hier keine Hausgeisttexte zu einer regelmäßigen Einrichtung machen, aus Gründen. Einer ist die Erwartungshaltung, die sofort aufkam - auf die ich aber keine Lust habe und die ich nicht bedienen will, ein anderer ist die mangelnde Originalität wiederholt auftretender imaginärer schrulliger Bekannter, puh. Zuviel davon muss echt nicht sein.

Außerdem habe ich da sowieso noch den Fee, von dem überhaupt nur zweimal jemand mehr lesen wollte. Der Fee ist länger hier, keiner fragt nach ihm und er hat auch weder seine Frau verprügelt noch sein Leben versoffen, also habe ich beschlossen, nur den Fee zu behalten. Für Notfälle.«

Herr Schmidt schweigt dunkelschillerndgrün. Da er darauf nichts zu sagen hat, hole ich tief Luft und füge schnell noch hinzu: »Außerdem habe ich gesehen, dass Sie gerne im Internet sind. Ich habe gedacht, Sie möchten vielleicht ganz dorthin ziehen.«

Schmidtchen wechselt die Farbe von schimmelig zu marzipanrosa und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass er an den Kanten flimmert.

»Das geht?« - »Ja, das geht.«

Ich erkläre Herrn Schmidt, dass man das Internet nicht ausschaltet, wenn wir die Computer herunter fahren, was eh selten genug ist, und er lauscht sehr aufmerksam einem kleinen Abriss von Arpanet bis DSL. Dann fällt der Groschen und diesmal bin ich sicher, dass seine Konturen nun allmählich verpixeln.

Wir verabschieden uns höflich in der Gewissheit, uns gelegentlich online zu begegnen und er macht sich auf den Weg zum Router, nachdem er nun weiß, was das ist. Ich hoffe, er wird hier nicht mehr herumlungern und nimmt alle Erinnerungen mit, die er im Haus ausgelöst hat.

Das Haus ist ruhig. Das Netz ... ein heimatloser Geist mehr oder weniger im Internet, darauf kommt es wohl nicht an.