In meinem Kopf spukt der Fall dieses ...


In meinem Kopf spukt der Fall dieses 11jährigen Raoul, der wie ein Schwerverbrecher inhaftiert worden ist, weil er sich angeblich seiner 5jährigen Schwester unsittlich genähert hat. Seit die ersten Pressemeldungen darüber erschienen, versuche ich, mich nicht aufzuregen. Man kann sich nicht über alles aufregen, richtig? Die Welt ist furchtbar, obszön, nicht nachvollziehbar und warum ich kein Fan des Landes der ach so unbegrenzten Möglichkeiten bin, das weiss ich schon lange. Jetzt sieht es so aus, als hätten die Eltern des bedauernswerten Knaben erotische Internetseiten gehabt und schon ist es fast offensichtlich, dass der Knabe ja wohl die am heimischen Herd vertriebenen Pornos nachgespielt haben muss, womit sich das Bild eines verdammt jungen Lüstlings wohl zementiert.

Irgendwie bin ich so ärgerlich auf diese Eltern, können denn nicht wenigstens Leute mit Kindern auf den geldgeilen Schmuddelscheiss online verzichten. Erotische Seiten, klar, dass da im Zusammenhang mit Kindern alle aufhorchen und lange Ohren kriegen, denn gibt es aufregendere Skandale als die im Zusammenhang mit Pädophilen, schlechten Müttern und der grossen bösen Online-Welt? Passt doch prima ins Bild, die etwas schlampig aussehende Hausfrau mit dem amerikanischen Vornamen, dem schweizer Nachnamen, der erotischen Internetpräsentation und den Kindern, die schon im zarten Alter von 11 Jahren zu üblen Lüstlingen werden. Der Kleine hatte verloren in dem Moment, als dieser Dreck hochgespült wurde, unabhängig von allen Gerichtsurteilen der Welt wird nie wieder jemand wirklich glauben, dass er durch die ‘erotischen Produktionen’ nicht beeinflusst wurde.

Aber selbst wenn er, sagen wir mal, sehr neugierig und extrem frühreif war und sich seine Schwester genauestens angeguckt, meinetwegen auch betatscht hat. Selbst dann ist die richtige Reaktion doch wohl kaum eine Inhaftierung, der Abtransport in Handschellen und eine gerichtliche Vorführung in Fussfesseln! Das kleine Mädchen hat jetzt für immer gelernt, dass Sexualität etwas sehr, sehr Schlimmes ist. Der kleine Junge hat jetzt für immer gelernt, dass man für sexuelle Gedanken extrem bestraft wird. Die ganze Familie ist für immer belastet durch diese hysterische und naive Reaktion einer Nachbarin, die wahrscheinlich eher hausfrauliche Rache als das Wohl der Kinder im Auge hatte, als sie Anzeige erstattete. Und in ganz Mac-Donald-Land wird es von nun an bewusst verklemmte und übertriebene Reaktionen auf die Versuche von Kindern geben, ihre eigene Sexualität zu erkunden. Schliesslich weiss man ja nie, ob die gelangweilte Kittelschürze von gegenüber nicht schon lange auf eine Gelegenheit lauert, der Familie eins reinzuwürgen, richtig?

Meine eigene Mutter wird zweifellos eines Tages herausfinden, dass ich keine Jungfrau mehr bin, und vor diesem Tag graut mir schon lange. Aber was ist schon katholische Prüderie verglichen mit den Aktionen in Plastikland, wo Oralsex mit Abhängigen auch auf den höchsten Posten verzeihlich ist, aber kindliche Experimentierfreudigkeit das Zerstampfen von ganzen Existenzen zu rechtfertigen scheint und ein verdammt bedenklicher Unterton dem Kind gegenüber in vielen Zeitungsartikel durchschimmert.

Es gibt eine Menge Webseiten zu dem Thema, das war ja auch zu erwarten. Leider sind viele noch sehr viel emotionaler als meine privaten Gedanken zu dem Thema und davor weiche ich instinktiv zurück. Ist es, weil viele Menschen sich nur engagieren, wenn sie plötzlich spüren “huch, auch ich könnte betroffen sein, da muss man schnell was tun” oder weil manche so sehr danach schnappen, sich ein Ziel vor den Bug zu pinnen, ich weiss es nicht. Die Motive sind vermutlich auch völlig egal, solange die Ergebnisse positiv sind, ich meine das gar nicht verurteilend.

Aber ich habe mich dann lieber hingesetzt und an die Kanzlei der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, den Gouverneur und den Generalstaatsanwalt von Colorado gefaxt, als mich auf so einer Website zu beteiligen. Die Faxnummern habe ich auf der [url=http://www.amnesty.de]http://www.amnesty.de[/url] gefunden. Ich weiss nicht, ob es wirklich was hilft, aber zumindest habe ich einen richtigen Brief verfasst und kein Massenschreiben kopiert, was mir beim Ordnen meiner Gedanken zu dem Thema geholfen hat. Ich bin nicht gut darin, mir eine echte Meinung zu solchen “Skandalen” zu bilden, wahrscheinlich bin ich auch ziemlich klischee-anfällig, was so brisante Themen bei Kindern angeht. Aber eins weiss ich genau: Ein so kleiner Junge sollte bei einem Vergehen nicht inhaftiert und behandelt werden, als sei er ein Kettensägen-Massenmörder. Und er ist ja wohl kein Einzelfall, sondern es kam nur wegen der doppelten Staatsbürgerschaft und der Flucht der Eltern mit den anderen Kindern so ein Wind auf.

Ja, ich weiss. Es gibt ca. 3,87591 Millionen von Dingen, für die man sich engagieren kann und für mindestens 19% davon sollte man sich auch engagieren und so weiter und tut es doch nicht. Diesmal hab ich aber trotzdem einen Brief geschrieben und ob das nun nur ein vergeblich in den Sturm geworfenes Sandkorn war, das ist mir egal.