Hoppala

Das ist mir ehrlich gesagt ziemlich wurscht, ob irgendjemand unter 32 Kilo Kampfgewicht sich betroffen fühlen könnte durch meinen gestrigen Eintrag. Erstens sollte das durch den lebenslangen Bonus “Attraktivität-plus-einfache-Konfliktlösung durch Einsatz von Kindchenschema” absolut mit abgegolten sein, und außerdem hat sich auch keine beschwert. Wieso denn auch? “Ranting” ist ja nicht meine Erfindung, es sind bloss meistens die Deutschen, die nicht kapieren, dass nicht jede ihr Webdiary mit dem Schmolldaumen im Mundwinkel schreibt und dass nicht jeder Zug vom Leder bierernst gemeint ist.

Wobei bierernst ja auch ein geiles Wort ist und ich mir seit der WM Einträge über Leute verkneife, die offensichtlich ganze Kästen Gerstengesöff verfrühstücken und das Party nennen. Auch egal. Ich kann’s mir weiterhin verkneifen (hoffe ich).

Nein, der Rant of the Day ist den Kommunikationsbremsen gewidmet, die man hierzulande auffällig häufig an Kommunikationsknotenpunkten wie Hotline, Empfangssekretariat und Auskunft (!!) antrifft. Ihr kennt sie. Es sind jene Damen, die eine ganz normale Anfrage mit einem Tonfall tiefsten stiefschwiegermütterlichen Bedauerns beantworten “Nein also das ist gaaaaaanz schlecht.”

Vorzugsweise dann, wenn es keine Alternative gibt. Stichwort Zahnarzt-Termin, wenn es zwickt und man von seinem eigenen jahrzehntelangen Zahnarzt betreut werden möchte.

“Ich hätte gerne einen Termin.”
“Hmäh, hmpfthja, also im März 2004 wär noch was frei. Können Sie auch um 5 Uhr früh?”
“Das ist leider nicht so günstig, ich habe leider jetzt ein bisschen Zahnweh und würde das gerne nachsehen lassen, bevor es schlimmer wird.”
“Nein also das ist gaaaaaaaaaaaanz schlecht.”
“Ja, das finde ich ja eigentlich auch. Deswegen möchte ich ja ...”
“Nein also das ist aber gaaaanz schlecht. Der Herr Doktor popelt gerade ausgiebig, und morgen spielt er Golf.”
(gekonnte Mischung aus Genervtheit wegen der Zumutung - also wegen mir - und aufrichtigem, tiefen Bedauern ob dieser wahrhaft unlösbaren Situation)
“Gut, dann komme ich frühmorgens ab 7 Uhr und bringe achtzehn Stunden Wartezeit mit. Sicherlich lässt sich dann was machen.”
(Basses Entsetzen)
“Oh, das ist aber gaaaaanz ... also morgen ist es schon mal gaaaaanz schlecht. Und übermorgen wird es vermutlich regnen, während wir am Mittwoch ohnehin nur den halben Tag ...”
“Ich komme am Donnerstag um Mitternacht und warte vor der Tür, bis Sie öffnen. Ich verspreche aufrichtig, dass ich keine Widerworte geben werde, wenn ich warten muss und ich bringe auch meine eigene Frauenzeitschrift mit.”
“Also .. das ist aber gaaaanz ...”
“Die Zeitung dürfen Sie nachher behalten.”
“Hmmmmm.”
(Grunzen und übertrieben lautes Umblättern in dem vermutlich ohnehin elektronischen Terminkalender).
“Bitte, da muss doch was zu machen sein. Ich würde ungern meine extrem teuren Zusatzbehandlungen und Zahnpflege in einer anderen Praxis ...”
(Tiefes Stöhnen und ein beschwichtigendes Grummeln. Dann umschlagen in einen gnädig-königinnenlichen Tonfall und gönnerhaft:)
“Nun gut. Dann kommen Sie am Freitag vor 8 Uhr und stellen Sie sich auf viel Wartezeit ein.”
“OK”.
“Bei uns ist aber wirklich viel los.” (drohend)
“Das ist OK, das weiß ich dann ja vorher.”
“Ich trage sie jetzt mal nicht in den Terminkalender ein.” werde ich von einer nun sehr zufrieden klingenden Telefonstimme bedroht. “Denn Sie wissen ja, momentan ist es wirklich ...”
“Gaaaanz schlecht. Jaja.”

Und ich wünsche mir aufrichtig, wenigstens 80 % dieses Dialogs wären meiner Fantasie entsprungen. Und nicht bloss 10 %. Ein Glück, dass ich nicht wirklich Zahnweh habe. Das hat sich spontan verflüchtigt durch die hypnotische Wirkung dieser unflexiblen und unfreundlichen Telefonstimme. Die Dame sollte sich ihre negative Ausstrahlung einfach patentieren lassen ...