Hausgeist

Er lehnte am Ende des Flurs und grinste, als ich ihn bemerkte und zusammenzuckte. »Schmidt ist der Name« stellte er sich vor und schwenkte dabei seine Bierflasche von links nach rechts. Weiß ich. murmelte ich und schabte noch fester an den Resten antiker Wandfarbe. Schon als wir die drei Zimmer zum ersten Mal besichtigten, hatte ich Herrn Schmidt in der ehemaligen Küche gesehen, wo er auf dem Boden neben einem Stuhl lag. Er muss beim flüssigen Abendessen gestorben sein damals, vielleicht wurde er auch gar nicht sofort gefunden, denn er lag dort mit einer gewissen schlaffen Selbstverständlichkeit. Herr Schmidt samt umgekipptem Stuhl verschwand ganz allmählich, als ich länger hinsah und ihn beim Verblassen betrachtete, bis nur noch ein Schatten zurückblieb.

Über 30 Jahre lang hatte er in diesen drei Räumen gelebt, die man kaum als Wohnung bezeichnen konnte, fehlte doch ein Bad, das durch eine zurechtgezimmerte Dusche in der Küche ersetzt wurde. Als wir mit der Sanierung begannen, hing der Alkoholdunst noch in den Wänden und ich wusste, dass er sich eigentlich nicht drei Jahre lang hätte halten können. Die anderen vermuteten, dass die leer stehende Wohnung gelegentlich als Schlafplatz missbraucht worden war und deshalb so roch. Ich wusste es besser, denn später ging er einmal an der Tür vorbei, als wir das Waschbecken von der Wand klopften und dabei die mit Heißkleber abgedichteten Plastikrohre bestaunten. Er amüsierte sich prächtig über unser Entsetzen wegen der primitiven Fliesen in den dunkelbraunen Räumen, glaube ich, denn er kicherte beim Hineinschauen – und worüber sollte er sonst lachen?

Unter der grünen Glimmertapete war braune Stofftapete, unter dieser wiederum Blümchen auf unzerstörbarem Kleister. »Was hast du dir dabei bloß dabei gedacht, als du das aufeinander gepappt hast?« Er antwortete nicht, sondern schaute zur Abwechslung komplett verstört durch den Flur. Ich wusste, dass er in seinem hohen Alter von 83+3 nicht daran gewöhnt war, von halbwegs jungen Frauen einfach geduzt zu werden, hatte aber definitiv nicht vor, jemanden zu siezen, der erst echten Kork an eine Wand gepappt, darüber dann Styropor und darauf dann Korktapete angebracht hatte - und das in einem Umfeld, das sich sowieso schon am besten mit »Eiche pseudo-antik« beschreiben lassen würde, auch wenn hier nirgendwo tatsächlich irgendwas aus echter Eiche war.

»Sie müssen verstehen, das hat man in den 70ern eben so gemacht. Es war viel zu viel Arbeit, die alte Tapete und den Kleister darunter zu entfernen.« erklärte er würdevoll und schwankte dabei nur ein bisschen. Bier tropfte aus seiner Flasche und verschwand spurlos im Boden. Schmidtchen hatte sich in diesen Räumen totgesoffen, das wusste ich. Aber wusste er das auch? Er schien zu denken, dass er nach 35 Jahren hier jetzt einfach nur neue Mitbewohner hatte.
»So wie jetzt ist es aber auch nicht schlecht«, räumte er ein und beäugte unsere frisch weiß verputzte Küche, die früher sein dunkelbraun-dunkelgrünes Wohnzimmer war. Meinen Kampf mit dem unzerstörbaren Tapetenkleister hatte ich nicht aufgegeben, während er um mich herumwanderte und die verschiedenen Schichten seines Lebens betrachtete, die ich nach und nach abschabte und vom Spachtel strich. Hellgrüne Glimmerblümchen stießen an eine Kante von hellrosa Glimmerpünktchen und ich hätte mich gerne ausführlich über diesen Fund beschwert, ihn vielleicht sogar hinterfragt. Doch als ich mich anklagend zu ihm umdrehte, verblasste Herr Schmidt bereits wieder.

»Prost!« sagte er flaschenschwenkend. Ganz leise. Und verschwand.