Geteilte Wahrnehmung

Zu den angenehmen und anfangs ziemlich unerwartet eintretenden Begleiterscheinungen eines Lebens mit Kind gehört der rege Austausch mit anderen Müttern. Dabei geht es weniger um praktische Überlebenshilfe, schließlich haben wir alle ein Google.

Wichtiger sind die Momente, in denen man sich dringend vergewissern muss, ob es auch tatsächlich die anderen Anwesenden sind, die gerade ihre feuchten Reinigungstücher verspeisen oder zum neunzigsten Mal ein- und dasselbe Bilderbuch lesen wollen. Oder ob man selbst betroffen ist und ganz sachte bis allmählich nicht mehr alle Bauklötzchen gestapelt kriegt.

Voller Verständnis lauschte ich also der Freundin, die über Freiflächenschwund klagte und darüber, dass ihre pubertierenden Kinder auf jeden leeren Fleck sofort einen Stapel Zeugs packen. Aber grundsätzlich nie einen logischen und thematisch zueinander passenden Haufen, sondern stets einen Mix aus Altpapier, wichtigen Dokumenten, unwichtigen Bedienungsanleitungen, undefinierbarem Krempel und zusammengelegten T-Shirts oder Socken.

Manche gewaschen, manche nicht: Hauptsache aufeinander gelegt.

Stapel des Irrsinns, wenn unter Pizzakartons wichtige Rechnungen verschwinden, Stapel des Grauens, auf denen sich in halbvollen Trinkbehältern aufsässige neue Lebensformen entwickeln. Wackelnde Stapel, kippelnde Stapel und solche auf Tischecken, zwischen Büchern im Regal und sogar auf Fernsehern und halb unter Kopfkissen, sobald irgendwo mehr als fünf Quadratzentimeter zusammenhängender Platz auftauchen.

Bei der Beschreibung, welche Stapel sie alleine im Laufe dieses Vormittags entkernt und was sie dabei alles gefunden hatte, hörte ich ihre Stimme hart in Richtung Amok kippen und murmelte beschwichtigende Geräusche.

Als sie jedoch damit drohte, sich dem nächst besten halbwegs attraktiven Paketboten willenlos hinzugeben, um dem Wahnsinn in ihrer Familie langfristig ein paar andere Gene entgegenzusetzen, musste ich einschreiten, erklärte mich vollinhaltlich solidarisch mit den Antistapelgefühlen und bestätigte ihr ausdrücklich: Ja doch, man könnte mühelos wahnsinnig werden, wenn jemand den lieben langen Tag alles aufeinander stapelt, was sich an Zeugs so findet, aber andere Gene im Pool helfen da auch nicht weiter.

Denn sobald man sich umdreht, wachsen die Stapel aus den Zimmerecken und füllen sich in jeder unbeobachteten Sekunde mit Quittungen, Gebrauchsanleitungen, Zeitschriften, leeren und halbvollen Nahrungsaufnahmebehältern und halb gelesener, halb ungelesener Eingangspost. Das ist eben einfach so.

Sie stutzte: »Sag mal, woher kommen denn bei dir die Stapel? Du hast doch ein noch ziemlich kleines Baby?!«

Stimmt. Und einen Mann in Elternzeit.