Du bist Deutschland (und so)

Neun Häuser und eine Ampelüberquerung entfernt findet jeden Samstag ein niedlicher kleiner Wochenmarkt statt. Die vier Stände bieten den durch eine Einkaufszone in der Nähe verwöhnten Anwohnern nur das Wesentliche, aber das reicht: Fleisch- und Wurstwaren mit ein paar Extras wie Sauerkraut aus dem Fass und herkömmliche »Salate« (Fleischsalat und Genossen), die niederrheinische Landbäckerei bringt saftiges schweres Schwarzbrot, Vollkornbrote und früh am Morgen auch Kuchen vorbei. ‘Teilchen’ und die süßen Backwaren fängt sich allerdings wirklich nur ein Frühaufsteher, so schnell sind sie stets ausverkauft. Marktwagen Nummer 3 hat Obst, Gemüse und freilaufende Eier, am vierten Stand gibt es frische Blumen.

Nur das Wichtigste eben.

Neun Häuser und eine Kreuzung, das sind nicht einmal 100 Meter Fußweg. Es ist mild, nieselt zwar etwas, aber noch braucht man keine Jacke. Deswegen fand ich es nicht so schlimm, als ich erst unten im Erdgeschoss nach dem Abstieg mit Kind bemerkte, dass der Nachwuchs sich die Mütze wieder abgezupft hatte – zwei Minuten laufen, zehn Minuten einkaufen und wieder heim, das übersteht man im Spätsommer auch ohne Kopfbedeckung.

Sollte man meinen.

Bereits als ich den Kinderwagen die Stufen runterknallen ließ, was den Nachwuchs stets vortrefflich amüsiert, sah ich die erste ältere Dame mit gerunzelter Stirn auf der Straßenseite schräg gegenüber.

Nun gibt es eine Sorte Frau, denen sieht man schon mit Anfang Dreißig die zukünftigen Nörgel- und Besserwisserrunzeln an, ab 50 sind sie dann fester Bestandteil der Gesichtsanordnung und da ist dann eh nichts mehr zu retten. Außerdem sieht es vermutlich wirklich etwas wüst aus, wie ich den Kinderwagen nach unten über die drei steilen Stufen ziehe, also lächelte ich nur in die verkniffene Konstruktion hinein und schob von dannen.

Neun Häuser weiter halt.

Auf halbem Weg wurde ich von einer entsetzten Dame in einem praktischen Parka gestoppt. Praktische Parkas (PP) sind in der Regel beige oder braun, vorsorglich gesteppt und mit Taschen ausgestattet, die Raum für die Ausstattung einer Polarexpedition bieten sollen, obwohl die Träger damit nur im nächsten Stadtpark herumwalken. Außerdem haben sie seltsame zusätzliche Verriegelungen mit verknoteten Laschen aus Bindfaden samt länglichen Knebelknöpfen, die dem gefälligen Betrachter suggerieren sollen, dass kein Reißverschluss unter der Vorderklappe ist. Was sie aber nicht vollbringen.

Der praktische Parka also raste hinter einem Auto hervor und warf sich in meinen Weg, um mit einem Arm in meinem Gesicht herumzuwedeln und in einer gekonnten Mischung aus Entsetzen, Vorwurf und Ich-mein-es-doch-nur-gut zu zischeln: »Das Kind hat keine Mütze!«

Doch, erklärte ich geduldig. Das Kind hat sogar zehn Mützen mindestens, es trägt nur gerade keine. Weil es schlauer und schneller ist als ich und sie sich vom Kopf gerissen hat, als ich es nicht bemerkte und nun gehen wir schnell zum Markt, mützenlos, und sind gleich wieder zurück im warmen Bereich.

Während ich den Wagen vorsichtig um den praktischen Parka herum schob, der inzwischen die Hände erziehungsberechtigt in die Hüften gestemmt hatte und aussah, als ob ein Michelinmädchen daraus werden solle.

Die letzten 20 Meter bis zum Markt schafften wir ereignislos und holten uns dann brav an jedem Stand den Einkauf und die Information, dass das Kind keine Mütze aufhatte sowie die Belehrung, dass es eine brauche. Meistens zweimal, denn auch der Rest der Wartenden hatte ja Zeit und eine Meinung, so dass ich schnell eine Routine entwickelte, diese Gespräche abzuwürgen und darauf hinzuweisen, dass das Kind seine Mütze eben erst verloren habe und wir die nun suchen würden.

Aber auch das war nicht genug, fand sich doch mühelos ein Herr, der es unverantwortlich fand, dass wir nicht erst nach Hause gingen und eine andere Kopfbedeckung holten, obwohl wir ja längst fertig eingekauft hatten und sowieso auf dem Weg nach Hause waren.

Das Kind massierte währenddessen vergnügt die geschenkte Scheibe Fleischwurst ohne Knofi in jede Falte des Kinderwagensicherheitsgurts, hatte warme Finger, warme Ohren, warme Nase und ausreichend Stoff und Schuhe an. Trotzdem fand sich auch auf dem neun Häuser langen Rückweg noch ein Mitbürger, der nach einem kritischen Blick auf den Kinderwagen mahnend den Finger hob und mir mitteilte, das Kind sei unbemützt.

Liebes Deutschland, liebe Leute.

Ihr parkt kerngesund auf Behindertenparkplätzen und seid zu desinteressiert, um zur Wahl zu gehen. Fresst billigstes Supermarktfleisch mit allen Konsequenzen bei dessen ‘Herstellung’ und benötigt für jede Entscheidung unter mehr als drei Personen eine Vereinsgründung plus Kassenwart. An einem hilflos hingestürzten Menschen in einer Fußgängerpassage geht ihr lieber schnell vorbei, der könnte ja auch ein Drogenkranker oder Besoffener sein, deren Unfälle keiner Hilfe würdig sind, dafür kauft ihr Weihnachtskarten von Unicef und denkt, das sei eine ausreichend wohltätige Spende.

Aber wenn mal ein Kind da draußen an der frischen Luft für zehn Minuten keine Mütze trägt, dann kann man sich auf euch verlassen. Da hab ich jetzt wirklich keinen Zweifel mehr.