Dienstag I

Nichts lag mir diesmal ferner als die Idee, einen zeitnahen Reisebericht zu liefern oder beiläufig im Weblog zu erwähnen, dass ich mal eben einen Termin auf Norderney habe, der eine kurze und gut bezahlte Abwesenheit aus dem von fristgerecht kündbaren Mietsklaven so verlachten Home Office beinhaltet und genau so schön, meeresluftdurchweht und mit netten Treffen nebenbei gespickt ist, wie man vermuten würde. Ich wollte in den Zug und endlich mal vier Stunden am Stück lesen, um abends auf der Insel zu landen, gemeinsam essen zu gehen und ein bisschen aus dem Fenster aufs 100 m entfernte Meer zu schauen. Sonst nichts. Kein Weblog. Bin ja nicht süchtig oder so.

Andererseits wäre es auch nicht nötig gewesen, dass ich gleich bei der Abfahrt einen Taxifahrer erwische, der mitten auf einer Kreuzung mit laufendem Taxameter anhält, um polnischen LKW-Cowboys auf türkisch mal eben bei der Wegfindung zu helfen. Mein Hinweis, dass ich jetzt bitte pünktlich zum Flughafen wolle, muss noch zu freundlich geklungen haben, denn er wedelte nur großzügig in meine Richtung und erklärte, er sei gleich so weit. Ich nahm beide Taschen, um wortlos auszusteigen und er war geschockt. Er wollte doch nur auf meine buchstäblichen Kosten das gute Gefühl einsacken, ein warmherziger und hilfreicher Mensch zu sein und konnte nicht ahnen, dass ich über jahrzehntelange Erfahrung mit egozentrischen Psychopathen verfüge. Psychopathen, die mir beigebracht haben, wie gut man sich in meiner großzügigen Bekanntschaft wohlfühlen kann, so lange ich selbst nur keine Ansprüche stelle und auf die eine oder andere Art schön nützlich bin. Sobald ich das gelernt hatte, begann ich mit der immer noch stattfindenden Fortbildung in normalisierenden Gegenmaßnahmen und erziele inzwischen große Fortschritte.

Begegnungen mit dumpf gluckernden Wasserkopf-Egos sind ja nun häufig genug, dass man dafür trainieren kann. Seelenvampire, unausgewogene ‚Freundschaften’, jeder kennt das, jeder hat schon mal illegal anwesende bulimische Kanadierinnen einem Ausbeuterjob entrissen und für ein paar Monate zum Durchfüttern mit nach Hause genommen, jeder fällt mal auf das aus guten Gründen einsame Heulen von Schafen in verwesenden Wolfspelzen rein, um sich vergeblich als Samariter, Sanitäter oder Sanitärtherapeut zu betätigen und postwendend unter verlogenem Gekotz in den Arsch getreten zu werden, wenn anderswo mehr Nutzen gewittert wird. Bekannte mit angeblichen Firmengründungen, die unauffällig für zweitausend Mark mit dem Orient und nicht wie behauptet mit dem Nebenort telefonieren und die Kosten nie erstatten, die Erwartungshaltung, dass man von Buch bis Laptop alles auszuleihen und bei Rückgabe in dreckigem Zustand oder gar nicht gefälligst Humor zu beweisen hat: Alles ganz normal. Jeder kennt das - und es ist immer noch besser, ab und zu enttäuscht als im Grunde ein Arschloch zu sein.

Freundlichkeit ist wohl irgendwie gleichbedeutend mit doof und gutmütig und schreit offensichtlich danach, die Grenzen auszutesten. Wenn man dann aber endlich mal die Schnauze voll davon hat, die üblichen mitmenschlichen Eigenschaften als gegeben hinzunehmen, gilt das auch für Taxifahrer, die sich Unverschämtheiten herausnehmen. Meine nun abweisende Miene stachelte ihn zu charmanten Höhenflügen an und er wollte mir sogar seine Handynummer geben, indem er sie auf ein Visitenkärtchen schrieb und sie mir rüberreichte. Was ich ignorierte. Aufgehört hat er aber erst, als ich sagte, ich sei verheiratet und würde die Karte höchstens annehmen, um mich bei seinem Chef über ihn zu beschweren.