Die Bahn kommt

Was gibt es erfrischenderes um 7 Uhr früh als eine vierfache Ausgabe des Newsletter der Deutschen Bahn. Zielsicher an den wenigen kalten und frösteligen Regentagen dieses «Hochsommers» platziert, beginnt dieses literarische Meisterwerk mit der Information:

«endlich ist der Sommer da und damit auch die Ferienzeit. Für alle, die noch keinen Urlaub gebucht haben und ins Ausland reisen wollen, warten jetzt die tollsten Last-Minute-Schnäppchen in unserem Reisebüro.»

Wir alle, die wir schon immer ausgerechnet mit der Bahn Last-Minute reisen wollten, können allerdings in diesem Punkt des Newsletters kein Reisebüro anklicken und so bleibt in meinem Kopf die vage Vermutung zurück, dass die bemerkenswert drögen und unkommunikativen Fahrkartenschalter mit Beamten und Ersatzbeamten gemeint sind, vor denen man im Schnitt 45 Minuten anstehen kann, weil die Fahrkartenautomaten Kreditkartenmörder sind (oder zumindest stark gewöhnungsbedürftig bis unzuverlässig).

Warum ich dieses Gesülze vierfach erhalten habe, weiß der Bundesadler. Ich werde durch den wahrhaft ansprechenden Absatz «Für die ganz Kleinen hat die Bahn mit dem Verein “Mehr Zeit für Kinder e.V.” einen Malwettbewerb ins Leben gerufen. So vergeht nicht nur die Bahnfahrt wie im Flug, sondern es wird vielleicht noch das eine oder andere Talent entdeckt.» dafür entschädigt. Was macht wohl eine Mutter, die mit Hilfe der kostenlosen Kinderfahrkarten der Deutschen Bahn («die in allen Zügen an die kleinen Fahrgäste unter sechs Jahren ausgegeben werden») entdeckt, dass sie Junior Picasso großzieht? Die Notbremse ziehen?

Ich weiß, das ist nicht nett von mir. Es muss eine grauenvolle Aufgabe sein, aus dem Nichts einen Newsletter zusammenzuklatschen, der wohl eher zwangsläufig Fahrplanänderungen und seit Jahrzehnten bekannte Infos mit dem Kleister von viel, viel Werbung und eigentlich eher ungünstigen Veränderungen samt seltsamer Gewinnspiele durchzieht. Ich sag nur: Gewinnspiel «Internationales Jahr des Öko-Tourismus».

Oder: «Willkommen in den Städten Niedersachsens». Wollten wir nicht alle schon mal ... Nein. Aber diese Info ist doch was, und auch noch fast aktuell: «Am 16. Juni 2002 war Fahrplanwechsel.» Wow. Irre. Und ich hätte es fast nicht gemerkt.

Nein, ich weiß nicht, warum ich diesen Newsletter viermal erhalte. Ich weiß, warum ich ihn bekomme, einmal (!) habe ich den abonniert, einfach um immer mal wieder die literarischsten Passagen einem Oliver im Halbschlaf vorzulesen, der eher verständnislos reagiert und glücklicherweise dieselben Textpassagen bizarr findet wie ich.

Diese gelungene Mischung aus «Ich bin eine Mischung aus mini Hochglanz-Magazin und Werbeprospekt» und Produktinfos mit «Schlagzeilen» könnte ich mir auch ganz gut auf einer dieser dreifach breit gefalteten Fotokopien vorstellen, auf denen Kleinstunternehmer so gerne (in zartgrün oder gelb) ihre Krabbelgruppen und neu eröffneten Poesie-Buchläden vorstellen. Obwohl es auch dann unvorteilhaft wäre, mit vier Zeilen auf eine Info hinzuweisen, die sich weiter hinten in vier Zeilen wiederholt.

Aber eins ist wirklich, wirklich gut, glaube ich: Man findet die «Streckenfahrpläne zum Download im Internet» bereitgestellt. Ergänzend zu dem langsamen und unflexiblen Fahrplanabfrage-Monstrum als Service, nehme ich an. Ist schon toll, so was. Ich zitiere mal, was ich hinter den Links auf Niedersachen, Landkarte, Düsseldorf fand.

Hier finden Sie Ihre Streckenfahrpläne für folgende Kursbuchstrecken zum Download:
Essen - Duisburg - Düsseldorf - Köln (347 KB)
Köln - Düsseldorf - Duisburg - Essen (358 KB)
Düsseldorf - Wesel - Bocholt (140 KB)
Bocholt - Wesel - Düsseldorf (140 KB)
Düsseldorf - Düsseldorf-Flughafen - Duisburg - Essen - Bochum - Dortmund (421 KB)
Dortmund - Bochum - Essen - Duisburg - Düsseldorf-Flughafen - Düsseldorf (454 KB)
Bergisch-Gladbach - Köln - Düsseldorf - Wuppertal (458 KB)
Wuppertal - Düsseldorf - Köln - Bergisch-Gladbach (445 KB)
Essen - Düsseldorf - Köln (484 KB)
Köln - Düsseldorf - Essen (513 KB)
Düsseldorf-Flughafen - Soligen (228 KB)
Solingen - Düsseldorf-Flughafen (240 KB)

Na, wenn das kein Service ist ... da kann das Wochenende ja kommen und mit ihm meine Mutter. Mit der Bahn.

Sie hat zwar einen PC und könnte ins Internet. Und es gibt die telefonische Bahnauskunft. Trotzdem besteht sie darauf, sich einen Tag vorher am Schalter im Bahnhof persönlich ihr Ticket nach den Angaben des Schaltermenschens und mit hartnäckigen Rückfragen ihrerseits auszusuchen und zu kaufen. Sie wird schon wissen, warum.