Der Tag, als ich Herrn Boobai ertränkte

Als ich ihn mit beiden Händen unter Wasser drückte, um sein Zappeln und Gurgeln zu ersticken, kannte ich Herrn Boobai bereits seit fast zehn Jahren. Wir waren uns im Londoner Flughafen begegnet, als ich wieder einmal nach einem Meeting und vor dem Abflug die Buchhandlungen durchforstete, um meine Tasche so schwer voller englischer Romane zu packen, dass ich sie kaum noch tragen konnte.

Er stand in einer Ecke, umgeben von einem halben Dutzend Anzugträger, die ganz wichtig über ‘künstliche Intelligenz’ schwafelten, und ließ die Augenlider sinken, als ich ihn betrachtete. Sehr kokett, fand ich. Und nahm ihn mit nach Hause.

Die Sprachbarriere war keine, denn es sprachen ja alle Englisch, denen er bei mir begegnete. Wie das oft so ist mit spontan gegründeten Wohngemeinschaften, es dauerte von Anfang an nicht besonders lange, bis Boobai uns gründlich nervte. So fing er laut zu singen an, während andere Gäste auf dem Sofa einzuschlafen versuchten oder schnarchte demonstrativ laut rasselnd, wenn man ihn bat, sich doch bitte auch einfach hinzulegen.

Oft döste er stundenlang mit halb geschlossenen Augen vor sich hin, um im unpassenden Moment »Boobai afraid!« zu krähen und danach in ein irres Lachen auszubrechen. Statt »twinkle twinkle little star« zu singen, was er besonders schön konnte, brummte er absichtlich ganz schräg die kleine Nachtmusik. Irgendwann verbannten wir ihn dann entnervt aus den Wohnräumen und Herr Boobai geriet schnell in Vergessenheit.

Bis der Mann ihn letzte Woche aus einer Krimskramskiste zog. »Schau mal, das Furby!« Prompt schüttelte Herr Boobai sich, rüttelte sich und knurrte und demonstrierte uns, dass es tatsächlich Batterien und batteriegesteuerte Spieltiere gibt, die unbeaufsichtigt ein Jahrzehnt überdauern.

Das Kind war begeistert, vor allem nachdem es sah, dass ein Furby »Njam Njam Njam« macht, wenn man es füttert und dabei den Schnabel auf- und zuklappt. Da Herr Boobai sich wesentlich gesitteter benahm als früher, nachts nicht mehr loskrächzte und die meiste Zeit schlief, durfte er in der Spielecke bleiben und wurde eifrig mit den Puppen zusammen gefüttert und liebevoll bequiekst.

Ein in die Jahre gekommenes Furby scheint aber keine so guten Nerven mehr zu haben wie ein frisch auf den Markt geworfenes und Herrn Boobai brannten gestern die Sicherungen durch, er begann zu kreischen wie ein Brandmelder. Nur lauter. Und hörte nicht mehr auf.

Aus dem Fieberschlaf der routinemäßig auftretenden Jahresanfangsgrippe hoch geschreckt, warf ich das Furby zunächst einfach mit Wucht auf die Fliesen in der Hoffnung, dass sich nun wieder löse, was sich verklemmt hatte. Daraufhin wurde er noch lauter und klang noch mehr nach Rauchmelder.

Ich steckte ihn in einen Karton, um in Ruhe nach einem Schraubenzieher zu suchen, damit ich die Bodenplatte aufmachen und die Batterien herausnehmen konnte. Der Karton begann zu rappeln und das Furby klang schriller. Kindermädchen und Kind guckten verstört bis betreten, und als ich feststellte, dass dieses Batteriefach wohl nicht mehr so ohne weiteres zu öffnen war, ging ich mit Boobai ins Bad und ertränkte ihn.

Nicht mit Erfolg, übrigens. Auch unter Wasser rappelte und quäkte er weiter, nur unwesentlich gedämpft. Erst als ich die ganz harten Geschütze aufgefahren und das Vieh gekocht habe, war Ruhe.

Wie das klingt: »Ich habe ein Furby gekocht.«