Aufstieg.

Herr Schmidt saß auf dem Fensterbrett des ersten Treppenabsatzes und genehmigte sich erst wieder einen Schluck aus der unvermeidlichen Bierflasche, bevor er lässig grüsste. Ich versuchte ihn zu ignorieren und konzentrierte mich darauf, das nächste Stück Treppe schon mal vorab anzusehen. 63 Stufen bis nach oben. Beim ersten Mal hatte ich fast eine Viertelstunde gebraucht und habe später das schmerzende Bein nachgezogen, inzwischen muss ich nur noch zweimal anhalten.

»Da habe ich mich auch immer hingesetzt.« meinte Herr Schmidt und zeigte auf den Vorsprung, an dem ich lehnte. Auch das wusste ich schon, die anderen Bewohner hatten uns erzählt, dass er in seinen letzten Lebensjahren abends immer sehr lange brauchte bis oben. So wie ich. »So wie Sie« ergänzte er dann auch prompt. »Aber aus anderen Gründen« murmelte ich so deutlich, wie man einen Geist anflüstern kann, ohne sich auffällig zu machen den Nichtsehenden gegenüber. »Ich trinke nicht!«

Jetzt war Schmidtchen beleidigt. Er wurde grüngrau wie der Blumenkasten, kniff die Augen schmal zusammen und schob die Unterlippe quer, nachdem er schnell noch einen Schluck genommen hatte. Als ich an ihm vorbei weiter aufwärts stapfte, tropfte er längs von der Fensterbank hinter mir her und dann konnte ich fünf Stufen zurück seinen schweren Atem und schlurfende Treppenschritte hören. Ich wusste, dass ich ihm beim zweiten Stopp meines Aufstiegs wieder begegnen würde, da ich wie ferngelenkt dort anhalten würde, wo er viele Jahre lang täglich innegehalten hatte.

Es war unvermeidlich.