Alles weg, dann doch nicht ...

Alles weg, dann doch nicht, dann doch wieder, dann doch nicht alles ... aber fast.

Aber: Wir haben jetzt in der Übergangswohnung alles, was wir brauchen. Es ist unglaublich lieb, dass immer noch mehr Hilfsangebote eintrudeln, aber wir kommen jetzt wunderbar klar, vielen Dank!

Jeden Tag werde ich gefragt, was wir denn aus der Brandwohnung retten konnten. Ich würde ja gerne darauf antworten, bin aber selbst nicht sicher. Alles ist Chaos, alles ist Stapel und manches muss noch weggeworfen werden. Wir arbeiten noch am Überblick darüber.

Als ich vor dem brennenden Haus stand (Bericht folgt noch), sah ich die Flammen über das gesamte Dach wandern und verabschiedete mich innerlich von allen Dingen, die wir besessen haben. Vom Kirchplatz aus sah es so aus, als wäre das Feuer überall.

Am nächsten Morgen stellte ich fest, dass der Dachboden ausgebrannt war und einige Zimmer eingestürzt, vieles aber hatte für meine nun mal in Sachen Brand total unbedarften Augen zunächst “nur” Wasserschäden. Andere dachten auch, es sei nicht viel kaputt - zuerst. War natürlich doch ein Totalschaden, die Wohnung.

Ich hattte noch nicht begriffen - und noch keinen der verquollenen Schränke geöffnet - dass das Löschwasser überall war und nur wegen des brühwarmen Wetters nicht mehr überall in Pfützen stand. Also dachte ich zuerst, man könne total viele Dinge retten und viele Helfer schleppten Zeugs hin und her (jeweils fotografisch dokumentiert).

Dann kamen die Experten für “Brandsanierung” und erklärten mir, dass ich mir den Krebs ins Haus holen würde mit verseuchten Möbeln und Sachen, über die Löschwasser gelaufen sei durch die verbrannten Dachbalken durch - auch Sachen, die total OK aussähen, müssten weg. Das sagten sie mir alle unabhängig voneinander, und spätestens dann war klar, dass offenporiges Holz uns verlassen musste, auch wenn es sich um wunderschöne Stücke handelte, die nahezu unversehrt wirkten. Wie die große alte Truhenbank aus der Küche, zweieinhalb Meter Stauraum und gemütlicher Platz für viele Freunde.

Also haben wir dann schweren Herzens die zweihundert Jahre alte Aussteuertruhe, die einmal unser Couchtisch werden sollte und die wir schon “gerettet” hatten, dann doch noch in kleine Stücke gehackt, damit bloß niemand in Versuchung kommt, sich dieses schöne Stück mitzunehmen und sich dabei dann vielleicht unwissentlich tödliches Gift ins Haus holt - denn getrocknet sah sie schon wieder unverdächtig aus, wenn man nicht Bescheid wusste. Für bessere Pläne (neuralisieren lassen vom Fachmann) war keine Zeit und Kraft vorhanden.

Das absichtliche Zerstören der alten Truhe war ein sehr merkwürdiges Gefühl. (Bei der Bank bestand keinerlei Mitnehmgefahr, die war ja riesengroß, extralang und sauschwer und es waren Stückchen ausgebrochen.)

Dieses Auf und Ab setzte sich noch fort.

Denn es begann ja auch noch zu regnen, immer mehr Wasser lief hinein. Es gab Dachplanen, dann wurden sie undicht und ich musste nochmals die Feuerwehr rufen, um sicher zu gehen, dass nichts einsturzgefährdet ist.

Einerseits haben wir Kleckerkram und Einzelteile aus verschlossenen Schränken geborgen und auch manche Möbel, andererseits dann im Nachhinein doch vieles davon trotzdem noch wegwerfen müssen, weil es nach Brand roch und der Geruch sich nicht entfernen ließ. Bücher ... die vielen Bücher, alle verseucht bis auf einen kleinen Karton voll gerade ausgelesener. Als ich diesen Eintrag schrieb, dachte ich noch, dass gar nichts vor dem Feuer und seinen Folgeerscheinungen gerettet werden kann.

Zwischenzeitlich haben wir wertvolle Dinge geborgen: Das sorgfältig dreifach verpackte hundert Jahre alte Taufkleid mit den eingestickten Namen der ältesten Töchter. Die Schatzkisten vom Kind mit den Erinnerungen an das erste Jahr, schön solide aus lackiertem Holz.  Das Fotoalbum von der Hochzeitsreise (und ich dachte noch, wer außer dir laminiert denn ein ausgedrucktes Blog .... damals). Klecker- und Kleinkram und dank der hartnäckigen Mottenplage vorher auch Textilien, die ich beim Kampf gegen die Mottennester bereits in luftdichte Plastiktüten gesteckt hatte.

Die liebste Puppe. Das Lego.

Einiges Gerettetes musste dann aber doch noch weggeschmissen werden, und wir haben kaum ein elektrisches Gerät mitgenommen außer dem Kopierer (der stand trocken abgekoppelt unter nicht geborstener Gaube und hatte kein Löschwasser abbekommen) und den geborgenen Handys, weil man uns auch davor immer wieder gewarnt hat: Zu oft hätte eine Familie einen Brandschaden überstanden, um dann kurz darauf durch beschädigte Geräte das nächste Feuer im Haus zu haben.

Schade.

Vor allem ums Büro, die Grundlage unserer Existenz. Wir sind jetzt wieder fast “einsatzbereit”, aber alles fühlt sich fremd und falsch an. Noch.

Ich darf nicht zu viel und so oft daran denken, dass unsere ganze liebevoll bis ins allerletzte Detail geplante Küche, unser Bad, beide rundherum ausgestatteten Arbeitsplätze und die ganze Bürokommunikation und über zweitausend Bücher zerstört und weg sind.

Alles nur Zeugs, nichts ist so wichtig wie ein Menschenleben.

Einer aber ist noch da, und das wird viele freuen. Denn so ziemlich alle, die uns je besucht haben, fragten nach dem großen blauen Schrank:

Wir haben das Karteimonster retten können, denn es stand an einer der nicht eingestürzten Gauben, es war von uns ordentlich abgeschliffen, grundiert und zweimal lackiert worden und zwar rundherum. So konnte der Karteischrank gut abgeseift werden - hat sich definitiv gelohnt, auch die Stellen zu bearbeiten, die man nicht von vorne sieht.

Ehemaliger Karteikartenschrank I

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p.s. Ein Bericht ist in Arbeit. Ich suche immer noch nach Einzelheiten, um meine Erinnerungslücken der ersten Tage zu füllen.

p.p.s. Die Thrombose ist weg, überstanden. Hurra :-)