9 Uhr 10Gut eine halbe Stunde zu ...


9 Uhr 10
Gut eine halbe Stunde zu früh am Flughafen. Fünfeinhalb Mark für einen Cappuccino, der fast nur aus Schaum besteht. Ziemlich viele Anzugmänner, die alle sehr gleich aussehen. Rennt nur, hastet und hetzt. Gebt Eure Seele für das, was ihr für eine Karriere haltet, während Ihr über Euer neues Auto und den Golfplatz nachdenkt. War ich auch so dumm? Na klar. Unzählige Überstunden der Vergangenheit garantieren mit einen Platz im muffigen Bürokarrierehimmel. Wie blöd nur, dass ich nicht mal tot dahin zurückkehren würde ;-)

Ich habe ein neues Mantra. KEINE TASCHEN, lautet es. Nein, ich werde keine Tasche kaufen. Nicht hier am Flughafen und auch nicht in München. Zwei Handtaschen in London, eine kleine Reisetasche schon vorher ... ganz zu schweigen von den anderen Sünden in Schrank, Regal und Garderobe - und was ist mein Handgepäck? Ein hässlicher Pilotenkoffer, der eine Tonne wiegt *schluchz* es ging aber nicht anders, zwei schwere Taschen schaffe ich nicht - eine schon. Wenn es in München auch so warm ist wie hier, werde ich schon im Flughafen durch die Bodengitter tropfen. Kleiner Tipp: Kauft Euch während einer Hormonbehandlung keine Jacke. Sobald Ihr eingestellt seid, ist sie zu warm oder kalt.

Der Akku ist gleich leer, habe vergessen, ihn aufzuladen. Ich könnte mich vor der Säule da vorne auf den Boden legen und in 2 m Höhe die Steckdose ... na gut. Sicher gibt es auch in München Computer und Internet. Gibt es doch???? Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Ich, ich brauche nur Strom.

12.45 Uhr
S-Bahn (oder U-Bahn?), unterwegs zum Marienplatz. Wir haben eine Menge Spaß, diese Münchner und ich. Wer auch immer sich diese wunderbaren Fahrkartenautomaten ausdenkt, viel kann er für die Besucher von Großstädten nicht übrig haben. “Marienplatz” murmelte ich vor mich hin und liess versuchsweise ich einen Finger über einer Taste schweben, da kreischte es von links unten “NEIN! Nehmen Sie eine Streifenkarte, das ist preiswerter!” Brav erwarb ich also eine Streifenkarte. Nur: Als ich mich umdrehte, um zu fragen, was eine Streifenkarte eigentlich genau ist, stand ich alleine. Nun gut, ja, jetzt und nach hilflosem Herumgefrage weiss ich auch, dass der Stadtplan in - bunte - Fahrtzonen unterteilt ist, von denen man jeweils eine mit zwei Streifen von dieser Karte gegenstempelt, bzw. eben die Summer dieser Streifen, die man braucht, um von Ziel A bis Ziel B zu gelangen. Bloss war genau da, wo ich war, kein solcher Stadtplan, sondern nur ein Automat pur. Internetcomputer gibts inzwischen für jeden Hirnlevel, aber F ahrkartenautomaten werden von Menschenfeinden designed, das steht fest.

Recherche auf dem Strickmuster der öffentlichen Verkehrsmittel ergab, dass ich keinen falschen Zug nehmen konnte, da sie alle früher oder später bzw. mit nur wenig Abstand den Marienplatz anpeilten. Also marschierte ich mit dieser frisch erworbenen Sicherheit im Umgang mit fremden Städten abwärts und nahm auf dem Weg noch eine fragend umherirrende Touristen mit. Die ältere Dame hatte von mehreren Münchnern ein “da gehns da runta und schauns” oder so ähnlich zur Antwort erhalten, als sie fragte, wie man denn zum Ostbahnhof kommt. Ich versprach, sie rechtzeitig aus dem Zug zu schubsen. Kein Problem, denn es kommen ja auch immer Durchsagen, an welcher Station man gerade hält.

“Hmpfmummummähtschrrkss.” sagte der Schaffner und die Tür schloss sich hinter der dritten oder vierten oder fünften Haltestelle, während wir uns nur noch verwirrt ansahen. Fünf Minuten vorher (ungefähr auf der Höhe von Hrgrrskkkpfüm) war dann endgültig klar, dass die schaffnerlichen Durchsagen keine Hilfe sein würden. Nun habe ich Nackenschmerzen und bin mal wieder froh, groß zu sein, denn der Schaltplan der S-U-Bahn ist an der Wagendecke. Welcome to Bavaria *g*

16.28 Uhr
Es war supernett und gemütlich im Ratshauskeller. Ob es meiner Gesprächspartnerin recht ist, hier namentlich erwähnt zu werden, weiß ich nicht, aber ich winke kräftig rüber !!! Weihnachtsmarkt ist auch, aber den konnte ich mir leider nicht angucken. Macht nichts, mit etwas Glück schaffe ich das morgen mittag. Eigentlich mag ich die Verkehrsnetze in Großstädten. Sie sind so eine wunderbare Mischung aus Spiel, Spaß und Überraschung. Ich sitze immer in der ersten Reihe. Die Bahn kommt und Menschen sind immer spannend zu gucken. Sie gucken mich auch. Es ist wie eintauchen. Ein kurzer Schwatz, vergleichbar mit der Chatkultur - ein “wohin, ah so, wie nett, find ich auch, nein wirklich ...” und dann sind die Münchner auch nicht mehr solche Eismenschen, wenn sie auch deutlich langsamer tauen als die Düsseldorfer. Der Akku ist gleich leer. Es ist zu warm. Wieso bin ich immer zu warm oder zu kühl angezogen, wo auch immer ich bin? Das ist nicht fair. Nun habe ich es schon geschafft, meinen Fetisch so klein zu falten un d zu planen, dass ich mit einer einzigen Pilotenkoffertasche unterwegs bin statt mit einem Gefolge aus acht Leibeigenen, die die 24 Koffer tragen und meine Rikscha ziehen, und nun passt sich das Wetter mir nicht an! Beschwerde.