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Die Netd@ys waren unglaublich anstrengend, aber echt ... « | » Die Grippe hat mich erwischt. Das tut ...

Wusel, eine meiner beiden Lieblings-Radioredakteurinnen, war gestern ...


Wusel, eine meiner beiden Lieblings-Radioredakteurinnen, war gestern nacht fest entschlossen, mir ein anderthalb MB grosses Grafikfile mit ihrem Antlitz zu schicken. Es war ein harter Kampf, sie dazu zu überreden, es zu schrumpfen - und dann war alles schwarz :-)

Es hat mich dann doch ein bisschen Überwindung gekostet, diesen ganzen laaaaaaangen Report zu Ende zu schreiben, und es gruselt mich jetzt schon davor, daraus auch noch einen anständigen normalen Text… aber nun gut. Bald werde ich mich drüber freuen, dass ich das getan habe :-)

Teil 2
So ging es weiter…
Die zweite Schule war “fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt”. Eine genauere Wegbeschreibung war nicht zu bekommen gewesen und so visierten wir dann grossräumig den Hbf an, wild entschlossen, ihn notfalls stundenlang zu umkreisen. Das war natürlich nicht nötig. Wir fanden die St Benedikt Schule sehr schnell und folgten artig dem Schild “Netdays - erster Stock, Zimmer 110”.

Persönlich war ich ziemlich gespannt auf Peter Lippert, den verantwortlichen Lehrer. Er ist mit einer unheimlichen Begeisterung an die Vorbereitungen gegangen und hat mit Dirk-Hendrik, dem dritten Projektpartner (der auch sehr kurzfristig gefunden wurde), sehr viel für die neue Homepage der Schule vorbereitet. Wenn ich dann mal per Mail fragte, wie die Vorbereitungen liefen, bekam ich gleich sehr viel über die Computer und deren Ausstattung zu hören und über das Design der neuen Homepage und die nagelneue Domain, die Dirk gestiftet hatte. Irgendwann hob ich zaghaft den schriftlichen Zeigefinger und fragte, wieviele Kinder denn eigentlich ...

Die Antwort lautete “Keine Angst, es gibt schon noch genug zu tun!” und so lief ich dann - mal wieder völlig un-informiert und trotzdem gutgelaunt - mit Rebekka in diesen grossen Klassenraum voller Computer. Beeindruckendes Equipment - keine Kids. Auf die Frage, was genau er sich denn vorgestellt hatte, antwortete Peter, dass es da eine Gruppe von Kids geben würde, die ein Tagebuch der Segelfreizeit machen wollten, ein paar Eltern mit einer Infoseite, diverse Kids mit der Aufgabe, eine Linkliste zu erstellen und zu überprüfen und drei ältere Jugendliche, die mal eine Homepage machen sollten. Wir hatten nicht mal Zeit, uns verzweifelte Blicke zuzuwerfen, da wurden wir schon in die geplante Farbkombination und das vorgegebene Formular (!) eingeweiht, in dem gearbeitet werden sollte.

Vielleicht wäre das der Zeitpunkt gewesen, unauffällig aufs Klo zu gehen und nicht wiederzukommen, aber die Tür ging auf und eine fröhliche kleine blonde Frau stürmte herein, an deren Gesicht ich mich vage von einem Webgrrls-Treffen erinnerte. Sie gab mir die Hand “Hi Melody, hast du meine Mail bekommen?” - nein, hatte ich natürlich nicht - und stellte sich als Birgit vor, die auch helfen wollte. Vor einigen Tagen hatte ich an die Webgrrls einen Aufruf gerichtet und niemand hatte sich für die ganzen Tage gemeldet, nun war Birgit da und sie war ein Geschenk des Himmels. Als wir ihr nach fünf Stunden glückseliger Schufterei dann sagten, dass sie in der falschen Schule, aber dennoch hochwillkommen war, waren wir alle schon so müde, dass wir nur noch albern kichern konnten.

Was soll ich sagen? Wir haben es wirklich geschafft. Birgit bastelte eifrigst am Segeltagebuch, Rebekka surfte mit quietschenden Teenagern im Web (au weia), die Eltern und Lehrer bastelten mit Dirk die Seiten, die unbedingt sehr professionell aussehen mussten und ich taute auf kleiner Flamme ein paar schweigende 14jährige auf, die ihre erste Homepage erstellten. Der ganze Raum vibrierte nur so, und alle waren eifrig vertieft, obwohl wir nur einen einzigen Internetzugang hatten.

Niemand, der sowas einmal miterlebt hatte, würde noch fragen “Warum macht Ihr das eigentlich.” Da sitzt so ein Junge mit einem verschlossenen Gesicht, der sich nicht einmal ein Nicken entlocken lässt. Fragen beantwortet er so kurz wie möglich, und ins Gesicht sehen will er keinem. Nur sehr zögernd rückt er einen seiner kostbaren Prospekte über amerikanische Kampfflugzeuge zum Scannen heraus und nur gegen das Versprechen, ihn auf alle Fälle zurückzubekommen. Nicht einmal vierundzwanzig Stunden später hat er rote Ohren und glänzende Augen und schraubt eifrig mit einem Kumpel an einem Grafikprogramm, tippt Texte aus Fachbüchern und vor ihm auf dem Schirm entsteht eine ‘Navy Fighter Homepage’, die eindeutig ein klares Gefühl für Farben und Layout verrät. Er sieht Dir zwar immer noch nicht ins Gesicht und seinen Prospekt hat er kommentarlos wieder eingesteckt, aber er hat jetzt was vor. Das hatte er vorher nicht. Und das ist schon ein verdammt gutes Gefühl.

Für mich kam noch der Bonus dazu, dass ich Rebekka dabei beobachten durfte, wie sie das zum erstenmal erlebte. Wir sind nach diesem ersten Tag völlig K.O. in die beste Pommesbude der Stadt :-) gewankt, um uns den Magen vollzuschlagen, haben dann am Rande der Erschöpfung nebeneinander gesessen ... und gechattet. Miteinander. Wofür hat man denn ISDN?

Wir wären ja schlafen gegangen, aber um Mitternacht traf der nächste Helfer ein. Oliver hatte einige Überstunden geschoben, um den Freitag frei zu bekommen und so konnte ich ihm dann am nächsten Tag mit einem lachenden und einem weinenden Auge meinen Platz im Hexenkessel “Klapse Computerraum” überlassen. Mit einem lachenden, weil es doch sehr stressig dort drinnen war, und mit einem weinenden, weil ich wusste - die zwei haben jetzt den meisten Spass, denn am Freitag erstellten die Klapse-Kids ihre ersten eigenen Homepages!

Ich wanderte ins Lehrerzimmer und sammelte auf dem Flur ein Mädchen ein, das einen Text abtippen sollte, aber keinen freien Computer dafür hatte. “Na, das tippen wir doch mal eben” meinte ich und schnappte meinen Laptop. Hätte ich geahnt, was auf mich zukommt, ich hätte einen leeren Raum dafür gesucht. Das Mädchen arbeitete an der nächsten Ausgabe der “Klapse”, die im Dezember erscheinen soll (und übrigens auch als Abo ein prima Weihnachtsgeschenk ist). Sie drehte ihre Papiere hin und her und es fiel ihr sichtlich schwer, ihren Text vorzulesen, daher bemühte ich mich um einen sachlichen Ausdruck und tat so, als sei es das normalste auf der Welt, einer fremden Frau einen Text zu diktieren, in dem es um Angst, Verzweiflung und dunkle Löcher im Leben ging und um Männer, die dreizehnjährige Mädchen vergewaltigen. Ich weiss nicht, ob sie es gesehen hat, aber ich hatte schon einige Schwierigkeiten damit, geräuschlos zu schniefen, während um mich herum die Lehrer rannten, mich auch gelegentlich mittendrin einfach irgendwas fragten und telefonierten, mit den Türen klapperten und es gar nicht zur Kenntnis nahmen, dass ... nun gut. Der Hauptgrund, warum ich trotz aller Aktivitäten nie in den sozialen Bereich wechseln wollte, ist sicherlich, dass man dort abstumpfen muss, um zu überleben. Und abstumpfen will ich nie.

Das Mädchen ging, die Diskette fest umklammert, und die nächste stand in der Tür. Ein paar Jahre älter, ganz andere Probleme, genauso ein schwarzes Loch im Leben, ein ähnlicher Text. Das war schon irgendwie der Hammer, aber keiner ausser mir fand es irgendwie anders als sonst, klar, inmitten der Klapse war das ja der Alltag. So eine ganz junge Frau, die von ihren Eltern als “mein Erzeuger” und “meine Erzeugerin” spricht, mit einem leblosen Unterton, das schneidet ins Herz. Ich habe echte Schwierigkeiten damit, in so einem Raum voller laut plappernder Lehrer und rumrennender Leute neben einem Kind zu sitzen, das man in den Arm nehmen sollte und das die Finger um ein paar handbeschriebene Blätter krampft, die anderen davon erzählen sollen, warum seine Seele nach Verständnis und Entgegenkommen schreit.

Mittendrin kam dann auch noch Pastor Scheven, dessen Projekt Robinson ich zukünftig mitbetreuen werde, wie es aussieht. Als Rebekka dann etwas vorwurfsvoll (?) fragte “Was machst Du eigentlich?”, spürte ich ein Kichern meinen Hals hochkriechen, das die Tränen verdrängte, und stand auf einmal wieder mit beiden Füssen in der Organisation. Die Kids hatten wunderbar bunte Seiten erstellt - und wir konnten dann auch die Hamsterbilder entfernen, die Eike eigenmächtig eingebaut hatte. Wo sie doch so niedlich waren, diese ganzen Hamster.

Auch am Freitag war das Mittagessen wieder absolut “superwichtig” und es wurde ständig daran erinnert. Die Lehrer hatten uns in ein schönes spanisches Restaurant eingeladen und das Essen war auch toll, trotzdem irritiert es mich immer noch, welchen Stellenwert so eine Mahlzeit im Ablauf einer Projektwoche einnehmen kann, wenn sie nachweislich nicht gerade zu den Punkten gehört, die das Projekt am Laufen halten :-) und die Zeit sowieso höllisch knapp ist. Es gab dann während des Essens auch die Gelegenheit, ein paar gegenseitige Kritikpunkte abzugeben, was das Chaos anging - aber richtig besser zu machen ist da nichts. Wir sind halt die Fremden, die interne Abläufe nicht beurteilen können, und wenn man dann so dreist ist und sich über stures Nicht-Zuhören beschwert, wird man freundlich darauf hingewiesen, dass man als Lehrer in der Klapse eben eine gewisse Penetranz braucht, um sich durchzusetzen. Und das stimmt wohl sogar noch.

Wir fuhren dann in die andere Schule, arbeiteten weiter, spät am Nachmittag traf Harlequin dann noch ein, der direkt neben ein pubertierendes Mädchen mit einem Boygroup-Fimmel gesetzt wurde und schon deswegen sicher niemals mehr riskieren wird, irgendwohin so spät zu kommen.

Die Schulleiterin der St Benedikt Schule war klasse. Sie arbeitete an allen Plätzen mit, brachte sich richtig ein. Am Vortag war sie etwas verlegen zu mir gekommen und hatte vorsichtig gesagt, sie wüsste nicht so genau, wo sie mich hinstecken sollte. Genaugenommen wüsste ich das auch meist nicht, meinte ich und musste lachen. Um sie nicht weiter zu irritieren, erklärte ich dann, dass ich runde 8 Jahre Erfahrung in der ehrenamtlichen Organisation und Koordination von chaotischen Projekten im Sozialbereich mitbringen würde und dass Pädagogen erfahrungsgemäss immer ganz gut jemanden brauchen können, der noch nicht seit Jahrzehnten in derselben Verwaltungsbrühe steckt wie sie selbst. Das hätte ich natürlich noch viel unhöflicher ausdrücken können, aber andererseits mag ich ja all diese engagierten Lehrer - ich halte sie bloss nicht gut aus, wenn es dann zur Sache geht :-))

Am Freitagabend war dann die virtuelle Hochzeit von Melle und Tzwenny. Dass die beiden diesen Spass mitgemacht haben, finde ich klasse. Und für die Hochzeitsseiten von Walt kann man sich im Prinzip gar nicht genug bedanken, wir hatten alle schon im Vorfeld soviel Spass. Barbara Bumm vom Zakk (deren Meinung über Walt ich übrigens teile *knuffel*) war ganz begeistert über dieses kleine Highlight in ihrem Chat-Kalender, auch wenn sie selbst ihre Grippe dann doch lieber ins Bett brachte, statt mitzuchatten.

Hoffentlich kann ich von dieser Hochzeit noch das Chatlog bekommen :-))) auch wenn ich selbst dann irgendwann diskret ein langes heisses Bad genommen und mich in den Kissen zusammengerollt habe, während Olli, Spatz und Harlequin feierten. Boah, was war ich fertig :-) und während die Gäste eine ganz unglaubliche Anzahl Sektflaschen aus meinem Vorrat killten, baute ich noch schnell die Klapse-Projektseiten zusammen und musste dann dringend schlafen.

Die Abschlussveranstaltung im ZAKK am nächsten Tag fand auf kleinem Raum im Internetcafé statt und ich jagte Rebekka los, den (echten) Bürgermeister anquatschen, damit wir ihn unauffällig einkesseln und erst wieder weglassen konnten, als er mir seine Visitenkarte gegeben und versprochen hatte, nicht nur von ihm selbst - sondern auch von Campino ein Grusswort für die Klapse-Homepage zu schreiben.

Ausserdem habe ich Stefan von Antenne Düsseldorf wiedergetroffen *freu* und ich glaube, da war noch mehr echte digitale Prominenz (Geschäftsführer Digital City und so), aber irgendwie war Kilian wichtiger, der kleine Dötz, der sich an Melles Mitschreibseiten für die Netdays beteiligt hatte. Melle hat nämlich den ersten Schritt in die Richtung einer Karriere als echte Schriftstellerin gemacht und wir sahen uns alle gerührt an, als mitten auf dem grossen Präsentationsbildschirm der Link auf ihre Homepage stand. Später haben wir dann noch im Internetcafé aufgeräumt, Barbara geholfen ... ein paar Kabel gelöst, ein paar neue Verpflichtungen geknüpft :-) und im Anschluss dann den Spatzen und den Harlequin zum Bahnhof gebracht.

Beide versicherten mir äusserst überzeugend, sie wären jedesmal gerne wieder dabei, wenn ich “sowas” machen würde. So ein Versprechen gibt man nur im Adrenalinrausch einer frisch überstandenen Veranstaltung, und eine kluge Organisatorin nagelt ihre Helfer dann sorgfältig darauf fest - auch wenn sie noch keine Ahnung hat, wo und was als nächstes stattfindet :-)

Gut verzichten können hätte ich während der Netdays auf einen Spruch eines Lehrers, der sich erst redselig von allem distanzierte, was wir da schuftenderweise abzogen - aber im Anschluss meinte, “wir” hätten das doch alles super hingekriegt.

Nie verzichten würde ich auf das Lachen in Ollis Augen, als er erzählte, wie Rebekka fauchend auf den kleinen Eike losgegangen war, der sie mit einem saloppen “Hey, Blondine!” herbeizitieren wollte. Auf das Gesicht von Rebekka, als sie mit Nerissa Adressen tauschte. Auf das Hamsterbild mitten in diesem todernsten Text. Auf den leicht verwirrten Bürgermeister, der aber nicht zu erschüttern war :-) auf Walt und das virtuelle Hochzeitsbad. Auf den Taumel glücklicher Müdigkeit und das Gefühl, etwas getan zu haben. Viel getan zu haben. Sinnvolles.

Und nie im Leben würde ich darauf verzichten, wie wir mit den unterschiedlichsten Kindern gearbeitet haben und auch nicht auf das Lachen.

Sonntag, 25. Oktober 1998 um 11:00 PM
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