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Mails von der Vegetarierfront, weil ich gestern ... « | » (2) Ich fürchte mich so vor ...

Tribut zahlen an den StumpfsinnUm weder Neider ...

Tribut zahlen an den Stumpfsinn


Um weder Neider noch Vegetarier noch Neider noch selbstgerechte Empörer auf den Plan zu rufen, hätte mein Eintrag von gestern eher so aussehen bzw. mit folgenden Ergänzungen versehen sein müssen:



  1. Summer in the city and a little car full of music (and Melody)
    Muss das zugeben: Obwohl ich ein berufstätiger Mensch bin und Steuern zahle, war ich tagsüber unterwegs, als die Sonne schien. Ich kann mich nur untertänigst dafür entschuldigen, dass ich ein Auto habe und die Umwelt verpeste, doch ich kann nicht laufen bzw. nicht gut und so geniesse ich sogar die wenigen Momente, in denen ich ganz normal einkaufen kann. Hier kann ich nur eidesstattlich versichern, dass die von mir gewählte Musik keinesfalls andere Verkehrsteilnehmer oder meine eigene Aufmerksamkeit beeinträchtigte.


  2. “Journal für die Frau” mit kostenloser Buchwerbung
    Jeder kann ein Book on Demand herausgeben, wirklich jeder Idiot - auch ich. So ist es keine große Leistung, ein weiteres Buch auf der Publikationsliste zu haben, und die anderen sind sowieso fast alles bloss Fachbücher, keine Literatur. Es ist ein großes, überirdisches Glück und ich habe mindestens 3 Minuten gejubeljauchzt, wenn man mit einem Book on Demand in den Medien erwähnt wird. Jubeljauchz, hurra, hüpf, heissa. Keinesfalls wollte ich andeuten, dass das nur ein schöner Punkt von vielen an einem langen Tag war. Es war sicherlich der bedeutendste und größte Meilenstein meines jungen Lebens, unübertrefflich, und ich werde mir direkt hier vor dem Fenster ein Marmordenkmal errichten lassen, auf dem steht “Journal für die Frau, 13. Juni 2001”. Alles wird gut.


  3. keine Seide bei der Schneiderin und mich selbst losschicken in die größere Stadt, welche besorgen

    Schneiderinnen müssen auch Geld verdienen und wenn es Klamotten nicht im Laden/Katalog gibt, spricht nichts dagegen, sich etwas zu entwerfen und nähen zu lassen. Es ist preiswerter als ein Fertigkauf und kreativer ist es allemal und hey, wenn der nächste Knopf abgeht, dann wirf die Hose mal nicht weg. Sondern bring sie zur Änderungsschneiderei und *schwupps* hast du auch “eine Schneiderin” ....


  4. in die Stadt und drumherum, fünfmal die Hacken aneinandergeklappt, Läden und Lokalitäten gewechselt und doch immer einen Parkplatz
    Einen bezahlten Parkplatz, und meine Gebühren tragen brav zur Instanderhaltung von Parkmöglichkeiten bei. Was die Umweltverschmutzung mit dem Auto angeht: Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren mindestens einen der Orte nicht an, zwischen denen ich gewechselt habe.


  5. dicke schwere Seide aussuchen dürfen, hach ...
    Schuldig. Polyester tut es halt nicht.


  6. Kluge Gespräche über Knöpfe führen. Knöpfe auch kaufen, wider besseres Wissen
    Von Menschen mit andersartigen Interessen lernen, kann nicht schaden. Erweitert auch den Horizont, völlig andere Lebenswege zu sehen: Ein Leben lang alle Klamotten selbst nähen, zum Beispiel. Die Knöpfe schon mal zu kaufen hat “meiner” Schneiderin übrigens Arbeit abgenommen.


  7. Zum zweiten Mal in diesem Jahr gefragt werden, wo ich meine Handtasche gekauft habe und dann sogar versuchen, sie mir abzukaufen (!!!)

    Und das mir, die Spaß daran hat, unteure und schräge Sachen an ungewöhnlichen Orten zu erwischen - während die besagten Modepüppchen ihr komplettes Leben dem perfekten Image widmen. So macht es dann gleich doppelt Fun. Die kaufen für 800 Mark Armani und ich für 12 Mark Flohmarkt und Co, und dann kommen sie an und wollen mir die Beute abjagen. Ist es so schwer verständlich, dass ich Spass dran hab? I don’t think so.


  8. Steakhouse for Lunch - jaja, selbstverständlich könnte ich mein Fleisch auch selbst töten, wenn nötig
    Siehe Eintrag von heute morgen


  9. zurück aus der Stadt und wieder in die andere Stadt und gelobt werden für die samtige blutrote Seidenauswahl und sogar für die Knöpfe
    Perfekte Zusammenarbeit zwischen mir und einer fleißigen Dame, die ihre Familie mit ihrer Hände Arbeit ernährt. Zufriedenstellend, als Handarbeitslaie vom Profi gelobt zu werden ;-)


  10. nach 5 Stunden nach Hause kommen und immer noch lebendige Füsse haben.
    Ein echtes Erfolgserlebnis für jemanden, dem man vor kurzem noch das rechte Bein amputieren wollte.

Es wird nicht passieren, dass ich quasi auf Zehenspitzen mein eigenes Webprojekt betrete und jeden Satz sorgfältig abwäge, bevor ich ihn dann mit der Pinzette platziere. Ich bin auch nicht daran interessiert, mit verkrampftem Schliessmuskel anhaltend zu vermeiden, auch nur den geringsten Anlass zu liefern, mich in eine Schublade zu verfrachten. Wer das möchte (an mich nur noch in dieser Schublade sitzend zu denken), der braucht diesen Schutz und diese Sortierung vermutlich. Und wer bin ich, jemandem etwas wegzunehmen, das er braucht?

Natürlich habe auch ich meine Schubladen. Einige sind verschlossen, weil der Inhalt es nicht wert ist, entnommen und neu sortiert zu werden. Die meisten aber ziehe ich ständig auf und zu und werfe die Dinge von einer Stelle auf die andere und geniesse es, neuen Input und frische Gedanken zu haben, umzusortieren, zu überdenken und überrascht zu werden.

Für mich ist das Thema “warum schreibe ich und wie wirkt das und oh weia, was könnten andere denken” gar nicht wirklich interessant. Aber ich komme dank gewisser Schmähmail langsam zu der Überzeugung, dass diejenigen, die was gehaltvolles (!) zu meckern haben, das gefälligst in ihrem eigenen Weblog / Diary / Tagebuch tun sollten. In derselben Öffentlichkeit, mit denselben Konsequenzmöglichkeiten, die der Ursprungsautor auf sich nimmt. Moralische, erzieherische und anklagende Mails (die ja nicht nur ich bekomme, hm!) scheinen mir mehr und mehr wie Fahrerflucht.

Mittwoch, 13. Juni 2001 um 10:00 PM
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