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5-Minuten-Gedankenterrine um kurz vor 7

Man wird es irgendwann erleben, wenn man länger bloggt: Dass jemand sich durch einen Blog-Eintrag angesprochen fühlt, mit dem er nicht gemeint ist. Wenn man Glück hat, ist es bloß ein lästiger kleiner Stalker, der sich Liebe zwischen den Zeilen herausstiehlt, wo keine ist oder nur eine private, die ein bisschen über den Zeilenrand gelaufen ist. Oft fühlt sich auch jemand harmlos am Rande angesprochen, an den man nicht mal gedacht hat und der/die knetet sich eine Anspielung zurecht, die es gar nicht gibt. Meistens ist das dann auch egal, weil es nicht stört und man es in den Comments begradigen kann, notfalls schroff, meistens sachlich oder mit einem Abstandhalter.

Schlimm allerdings wird die Sache mit dem Senden und Empfangen von Blog-Einträgen, wenn sich jemand tief und schmerzhaft angesprochen fühlt von einem Thema, einem Tonfall und einem oder mehr Einträgen, der/die absolut rein überhaupt nicht gemeint ist, das aber spätestens nach der ersten Phase akuten Reinsteigerns sowieso niemals mehr glauben würde. Harmlose Bemerkungen werden zu verletzenden Pfeilen, geschilderte Eindrücke zu Häme: Ein zutiefst subjektiver Prozess der Selbstvergiftung beginnt.

Das akute Reinsteigern geht immer weiter und ohne dass man es als BlogautorIn auch nur ahnt, hat man vor der anderen Seite der Leitung ein Rumpelstilzchen sitzen, das sich durchgehend akut angesprochen fühlt von jeder Anmerkung, jeder Glosse und überall fiese Seitenhiebe fühlt, wo gar keine sitzen. Einsame Feinde, auf die man vielleicht nur mit Verstörung reagieren kann, wenn man denn überhaupt davon erfährt – denn das einzig Logische, das sachliche Nachfragen nämlich, das kommt scheinbar schon prinzipiell niemals in Frage. Schade eigentlich.

Andernorts wird immer mal wieder Bloggeburtstag gefeiert. Ich setze mir heute aber ein Lesezeichen an eine Stelle, auf der ich vor 2 Jahren einen haltlosen, hasserfüllten und gründlich dokumentierten Jähzorn einer Menschin fand, die sich über Wochen und Monate in einen Verfolgungswahn meinem Blog gegenüber hineingesteigert hatte - während ich sie längst völlig vergessen hatte, ihr Blog nie las, nie an sie dachte und nicht im Traum beabsichtigte, jemals auch nur die geringsten Anspielungen auf sie zu machen (einfach weil sich für mich herausgestellt hatte, dass wir für eine tiefere Bekanntschaft nicht genug gemeinsam hatten und ich den Kontakt einschläferte).

Auch das sind die Momente, die man sich merken sollte: Wenn diese Mischung aus Schock und Abscheu das Rückgrat herabrinnt .... und dann die einsickernde Erkenntnis, dass es nichts – aber auch garantiert gar nichts – gibt, das dabei helfen könnte, solch ein ungerechtes Missverständnis zu bereinigen. Das sprichwörtliche Kind ist nicht nur in den Brunnen gefallen, als man gar nicht da war, das sprichwörtliche Kind ist tot und hat längst alle Stadien des körperlichen Zerfalls durchlaufen. Wo soviel Wut, Kotze, selbstverätzender Eiter und Hass ist, klopft man ja auch nicht mal eben an und sagt “hör mal, ich weiß nicht, wie du darauf kommst, dass du gemeint warst mit …”.

Da bleibt nichts außer beobachten, umdrehen und gehen. Die Welt ist vielleicht okay, aber die Menschen machen mir Angst.


Eine Tonfolge noch:

Ein Gegengift gibt es natürlich auch. Bloggen nicht so wichtig nehmen. Blogger nicht so wichtig nehmen. Sich selbst nicht wichtig nehmen und schon daher prinzipiell erst mal nicht angesprochen fühlen. Einfach mal wieder öfter lachen. Sogar und erst recht lachen, wenn man sich irgendwie angesprochen fühlt und vor allem dann lachen, wenn man sogar namentlich genannt ist und sich deswegen dann angesprochen fühlen muss, selbst wenn man alles nicht wichtig nimmt: Für so viel Bestätigung und Aufmerksamkeit müssen andere nämlich durch viele Therapien.

Freitag, 22. Oktober 2004 um 04:50 PM
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... was ich schon immer mal sagen oder schreiben wollte. Danke!

Detlef  am  22. Oktober 2004

You’re welcome.

Melody  am  22. Oktober 2004

Wie?! Du machst das hier nicht alles ausschließlich für mich?!
(Entschuldige, Blödelreflex, darüber sollte ich nicht scherzen.)

So seltsam es ist: Ich glaube, ich bin durch jahrelange Beschäftigung mit Literaturtheorie ein bisschen davor gefeit, diese Erscheinung (jemand fühlt sich von Allgemeinem persönlich angesprochen) an mich ranzulassen. Die Mechanismen, die beim Lesen ablaufen, funktionieren nur durch den Lesenden. Der kann mit dem Text machen, was er will. Es war Umberto Eco in seiner “Nachschrift zum Namen der Rose”, der mich seinerzeit beeindruckt hat: Er schrieb, dass im Moment der Veröffentlichung ein Text nicht mehr dem Autor gehört, sondern den Lesern. Mit der Publikation hat der Autor die Kontrolle darüber aufgegeben.
Liebe Melody, nur wer ohnehin schon einen Sprung in der Psyche hat, einen Knick in seiner Wahrnehmung, steigert sich dann in vermeintliche Botschaften hinein. Der oder die könnte genauso gut die Schlagzeilen der Bildzeitung als Kampagne gegen ihn/sie persönlich nehmen. Jede Zeitungsredaktion weiß davon Lieder in vielerlei Tonarten zu singen.
Es tut mir sehr leid, dass Du immer wieder solche Knüppel zwischen die eh schon geplagten Beine bekommst (Metaphern-Polizei, bitte eingreifen). Doch genau so, wie Du die Spinner nicht persönlich meinst, meinen sie in Wirklichkeit auch Dich nicht persönlich, sondern ein selbst erstelltes Autoren-Konstrukt. DU kannst wirklich, wirklich nichts dafür.

Kaltmamsell  am  23. Oktober 2004

Es ist, wie immer, einfacher und doch komplexer, denn Blog-Texte sind nicht grundsätzlich mit anderen Veröffentlichungen zu vergleichen und außerdem handelt es sich bei zumindest diesem Fall um jemanden, die mein Haus betreten und an meinem Tisch gesessen hat und nicht um anonyme Leser. Es ist auch völlig OK, dass sie sich so wichtig fand, nur teil(t)e ich die Ansicht eben nicht, hm.

Als Knüppel zwischen die Beine sehe ich das alles gar nicht, aber so was von überhaupt gar nicht. Keine Klagemauer hier. Ich habe quasi ‘neulich’ erst begriffen, dass andere Menschen zwanzig Leben haben müssten, um so viele Arschlöcher zu treffen (danke, liebes Monster-Blog), aber auch absolut und ziemlich beglückt vielleicht zum ersten Mal wirklich gesehen, wie bereichernd die vielen beruflichen und privaten Erfahrungen der letzten Jahre immer wieder sind.

Zum Beispiel ein Austausch wie dieser
;-)

Melody  am  23. Oktober 2004

p.s. danke für den Hinweis auf das Nachwort, das ich überblättert hatte. kommt auf die lange lange leseliste. bald stehen zugfahrten an *freu* wobei ich den eco wohl eher nicht mitschleppen werde, uffz.

Melody  am  23. Oktober 2004

Oh, in meiner Ausgabe ist das gar nicht enthalten: Das “Nachwort zum Namen der Rose” ist zunächst als extra Büchlein erschienen. Ich gebe zu, dass eine persönlich bekannte Leserin etwas anderes ist als ein Feuilleton-Rezensent…
Vielleicht ist die hohe Arschlochdichte in Deinem Leben einfach eine ungleiche Verteilung auf der Zeitachse - und die letzten 20 Jahre Deines Lebens sind dann auffallend arschlochfrei?

Kaltmamsell  am  23. Oktober 2004

Ach so :-) zum Nachwort.

Arschlöcher haben durchaus ihren Platz in der Nahrungskette. Hehe. Es liegt ja an mir, ob mein Leben frei von ihnen ist (wer im übertragenen Sinne klein ist und sich versteckt oder sonstwie nicht bemerkt wird, kennt garantiert kaum welche).

Melody  am  23. Oktober 2004

Jetzt bin ich aber auch enttäuscht. Ich dachte immer, hier ginge es nur um mich? *schnief* :-P

Ute  am  24. Oktober 2004
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