Dr. Seuss: "You have brains in your head. You have feet in your shoes. You can steer yourself, any direction you choose..."

Samstag, 26. Januar 2008

Defragmentiert

»Wir haben diesen Ort, an dem wir uns treffen.«, sagte sie. »Nachts, oder auch einfach so – wenn ich die Augen schließe. Wir halten uns nur fest, verstehst du. Er gibt mir Kraft und ich ihm Ruhe. Es ist einer von diesen Plätzen, an denen alles warm und sicher ist. Wir treffen uns dort ... draußen .... und halten uns fest.«  Sah an mir vorbei oder durch mich hindurch, so genau konnte ich das nicht feststellen. Einen Wimpernschlag lang dachte ich, dass ich im Luftraum zwischen uns einen doppelten Herzschlag hören würde, sanft und stark zugleich.

»Weiß er davon?« fragte ich. Sie lächelte. »Das macht keinen Unterschied.«



Mittwoch, 09. Januar 2008

Zeitsprung

Das Kind war schon fast keins mehr und ihre Mutter hatte erwartet, dass sie nun bald Fragen rund um Beziehungsthemen stellen würde. Nur nicht unbedingt diese. »Mama, wo hast du eigentlich Papa kennen gelernt?«

»Deinen Vater habe ich 1988 zum ersten Mal getroffen, das weißt du doch … und dann dauerte es auch gar nicht lange, bis wir zusammenziehen wollten.«

»Jaaa, ich weiß das. Aber – wie war das genau? Ganz genau?« Die Mutter sah nachdenklich auf ihre langen weißen Finger mit den perfekt geformten Nägeln, die ihr das erste ganz spontane Kompliment von ihm eingebracht hatten. Damals. Im Sommer. Wenn sie an den kleinen mit Wärme gefüllten Innenhof dachte, fühlte sie alte Sehnsucht und Zartheit aufsteigen.

Unwillkürlich wandte sie ihr Gesicht von den forschenden Augen der Tochter ab und begann zu erzählen:

»Wir hatten einen wirklich heißen Sommer. Aber ich wollte Geld verdienen und hatte mir deswegen einen Ferienjob gesucht. Während also meine Clique den ganzen Tag im Freibad hing, war ich damit beschäftigt, in einem alten Haus ein ganzes Büro zu sortieren und alte Unterlagen wegzuwerfen, die anderen neu abzuheften. Anfangs habe ich mich sehr gelangweilt, aber dann entdeckte ich, dass ich den großen alten Schreibtisch auf den Balkon zum Hof schieben konnte und da oben saß ich dann den ganzen Tag, halb im Schatten, in einem Berg Papier, und konnte in die benachbarten Gärten gucken …«

Sie wartete auf ein Zeichen der Ungeduld, weil die Geschichte so langsam begann, aber das Mädchen lauschte noch aufmerksam.

»Eines Tages tauchte im Innenhof ein schlaksiger junger Mann auf. Er suchte tagelang Sachen aus einem Schuppen zusammen. Dann konnte ich ihn sehen, wie er auf dem Boden in der Schuppentür saß und an einem kleinen Kasten schraubte und bastelte, völlig vertieft. Manchmal rieb er sich den ganzen Dreck von seinem Werkzeug ins Gesicht oder er merkte gar nicht, wenn es regnete und er tropfnass wurde.

Erst wollte ich nur gerne wissen, was er da überhaupt machte.

Dann gefiel es mir immer besser, wie konzentriert er aussah und wie er manchmal sehr männlich, manchmal unglaublich jung wirkte. Seine Haare waren immer ein bisschen zu lang, die Lederhose schon uralt und die T-Shirts hatten undefinierbare Farben irgendwie, aber das passte alles perfekt zu ihm. Du würdest ihn wahrscheinlich mit Keanu Reeves vergleichen, aber der machte damals ja noch fast in die Windeln und jetzt findest du ihn alt. Aber so ein Typ eben. Ein Junge, der schon ein Mann war.

Bald verbrachte ich jeden Tag fast so viele Stunden damit, ihn zu beobachten, wie er in der Schuppentür hockte und verträumt an seinem Kasten baute. Sein Hintern war auch nicht schlecht.« ergänzte sie dann noch, als sie merkte, dass ihre Tochter sich vergeblich vorzustellen versuchte, wie ihre alte Mutter jemanden aus der Ferne anschmachtete.

»Irgendwann merkte ich, dass ich nur noch in das alte Büro ging, um ihn zu sehen. Ich hätte längst fertig sein können mit dem Job, aber ich zögerte den Moment hinaus, an dem ich nicht mehr auf diesem Balkon sitzen konnte. Jeden Abend blieb ich länger dort. Einmal sogar, bis es dunkel wurde. Das war der Tag, an dem er seinen kleinen Kasten repariert bekommen hat. Woran ich das gemerkt habe, weiß ich jetzt gar nicht mehr, ich wusste es eben.

Dann kam die Nacht und endlich fand ich heraus, was er da die ganze Zeit gemacht hatte: Der Kasten war ein Filmprojektor. Als es dunkel genug dafür war, fing er nämlich plötzlich damit an, einen alten französischen Film an die gegenüberliegende Wand zu werfen. Du kannst dir nicht vorstellen, was mein Herz für einen Hüpfer machte, als ich hochguckte und plötzlich in das riesengroße Gesicht von Jean Gabin sah … nein, den musst du nicht kennen … und dann merkte, dass er unten im Innenhof stand und mich anlächelte, einfach so. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass ich da sitze und ihn beobachte. Die ganze Zeit schon. Ich habe nie herausgefunden, seit wann er das wusste.«

Die Mutter schob eine Haarsträhne zur Seite mit einer Bewegung, der man anmerkte, dass die Mähne einen halben Meter länger sein müsste, um so nach hinten geworfen zu werden. Sie unterdrückte die Versuchung, ihre Augen zu schließen und sich zurück in diesen Sommer fallen zu lassen, der immer noch honigsüß nach Sehnsucht mit Mücken schmeckte und nach Tagträumen von barmherziger Präzision.

Ihre Tochter sah überaus zufrieden aus. Sogar von ihrem Teenie-Universum aus, das sich naturgemäß nur um sie selbst drehte, konnte sie nachvollziehen, wie romantisch es gewesen sein musste, monatelang einen süßen Freak zu beobachten, der dann einen Innenhof in ein Kino mit alten Filmen verwandelte. Cool. »Und das war dann mein Papa und ihr habt geheiratet und später mich bekommen.« fasste sie zusammen.

»Nö.« sagte die Mutter.

»Das war sein bester Freund Paul, der für die Abi-Fete den Projektor repariert hatte, damit da auf der Party Popvideos an die Wand geworfen werden konnten. Harald kam dann nur ihn und den Filmprojektor abholen, als ich gerade unten im Innenhof war. Und dann haben wir irgendwann geheiratet und dich bekommen.«



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