Moving-Target.de

Ein Feuer, das ein Haus oder einen Teil davon vernichtet, dauert nur wenige Stunden. Aber es kostet Jahre.

Normalität ist etwas, das uns immer noch zu entgleiten droht in dieser Twilight Zone zwischen der Rückkehr in unsere Wohnung und der Verarbeitung des Traumas.

So viele von euch haben uns geholfen, das vergessen wir nicht.

Navigation

Aktuell | Rubriken | Archiv seit 1996

Blogosphärisches | Blogroll | Über ...

Aktuellste Einträge:

Abonnieren:



Letzte Kommentare:

Britta in Norwegen in Der vierte Wunsch: Vielen lieben Dank für die letzten Einträge - und den Elfen. Hmpf, ich weiß nicht wie ich es ...

Graugrüngelb in Es gibt da einen Haken. Jetzt.: Das ist ja ‘ne nette Idee. Ich fahre ja in den urlaub immer mit diesen Handtuchhaken, die man über ...

Thomas Arbs in Mittwochs im Düsseldorf: Das ist phantastisch. Es ist schwer zu schlucken, aber es soll ja auch nicht leicht sein. ...

melody in Mittwochs im Düsseldorf: (Ich weiß, dass der liebe echte Löwenherz gegen Muslime in den Krieg gezogen ist, aber die ...

Biggi in Mittwochs im Düsseldorf: ♥♥♥♥ #bosnisch: Snez?

Peripherie

Haupteingang
Notizblog
Webdesign CMS
Kurzgeschichten
Kuechenzeilen.de
Muttertag
Schutt & Asche
Notizblog | Akne Tarda
Lebkuchenhaus | Düsseldorf für Kinder

Kontakt

Impressum

powered by ExpressionEngine








fictionfragments

Samstag, 26. Januar 2008

Defragmentiert

»Wir haben diesen Ort, an dem wir uns treffen.«, sagte sie. »Nachts, oder auch einfach so – wenn ich die Augen schließe. Wir halten uns nur fest, verstehst du. Er gibt mir Kraft und ich ihm Ruhe. Es ist einer von diesen Plätzen, an denen alles warm und sicher ist. Wir treffen uns dort ... draußen .... und halten uns fest.«  Sah an mir vorbei oder durch mich hindurch, so genau konnte ich das nicht feststellen. Einen Wimpernschlag lang dachte ich, dass ich im Luftraum zwischen uns einen doppelten Herzschlag hören würde, sanft und stark zugleich.

»Weiß er davon?« fragte ich. Sie lächelte. »Das macht keinen Unterschied.«

# 26. Januar 2008 um 03:23 PM
fictionfragments • 0x FeedbackDrucken





Mittwoch, 09. Januar 2008

Zeitsprung

Das Kind war schon fast keins mehr und ihre Mutter hatte erwartet, dass sie nun bald Fragen rund um Beziehungsthemen stellen würde. Nur nicht unbedingt diese. »Mama, wo hast du eigentlich Papa kennen gelernt?«

»Deinen Vater habe ich 1988 zum ersten Mal getroffen, das weißt du doch … und dann dauerte es auch gar nicht lange, bis wir zusammenziehen wollten.«

»Jaaa, ich weiß das. Aber – wie war das genau? Ganz genau?« Die Mutter sah nachdenklich auf ihre langen weißen Finger mit den perfekt geformten Nägeln, die ihr das erste ganz spontane Kompliment von ihm eingebracht hatten. Damals. Im Sommer. Wenn sie an den kleinen mit Wärme gefüllten Innenhof dachte, fühlte sie alte Sehnsucht und Zartheit aufsteigen.

Unwillkürlich wandte sie ihr Gesicht von den forschenden Augen der Tochter ab und begann zu erzählen:

»Wir hatten einen wirklich heißen Sommer. Aber ich wollte Geld verdienen und hatte mir deswegen einen Ferienjob gesucht. Während also meine Clique den ganzen Tag im Freibad hing, war ich damit beschäftigt, in einem alten Haus ein ganzes Büro zu sortieren und alte Unterlagen wegzuwerfen, die anderen neu abzuheften. Anfangs habe ich mich sehr gelangweilt, aber dann entdeckte ich, dass ich den großen alten Schreibtisch auf den Balkon zum Hof schieben konnte und da oben saß ich dann den ganzen Tag, halb im Schatten, in einem Berg Papier, und konnte in die benachbarten Gärten gucken …«

Sie wartete auf ein Zeichen der Ungeduld, weil die Geschichte so langsam begann, aber das Mädchen lauschte noch aufmerksam.

»Eines Tages tauchte im Innenhof ein schlaksiger junger Mann auf. Er suchte tagelang Sachen aus einem Schuppen zusammen. Dann konnte ich ihn sehen, wie er auf dem Boden in der Schuppentür saß und an einem kleinen Kasten schraubte und bastelte, völlig vertieft. Manchmal rieb er sich den ganzen Dreck von seinem Werkzeug ins Gesicht oder er merkte gar nicht, wenn es regnete und er tropfnass wurde.

Erst wollte ich nur gerne wissen, was er da überhaupt machte.

Dann gefiel es mir immer besser, wie konzentriert er aussah und wie er manchmal sehr männlich, manchmal unglaublich jung wirkte. Seine Haare waren immer ein bisschen zu lang, die Lederhose schon uralt und die T-Shirts hatten undefinierbare Farben irgendwie, aber das passte alles perfekt zu ihm. Du würdest ihn wahrscheinlich mit Keanu Reeves vergleichen, aber der machte damals ja noch fast in die Windeln und jetzt findest du ihn alt. Aber so ein Typ eben. Ein Junge, der schon ein Mann war.

Bald verbrachte ich jeden Tag fast so viele Stunden damit, ihn zu beobachten, wie er in der Schuppentür hockte und verträumt an seinem Kasten baute. Sein Hintern war auch nicht schlecht.« ergänzte sie dann noch, als sie merkte, dass ihre Tochter sich vergeblich vorzustellen versuchte, wie ihre alte Mutter jemanden aus der Ferne anschmachtete.

»Irgendwann merkte ich, dass ich nur noch in das alte Büro ging, um ihn zu sehen. Ich hätte längst fertig sein können mit dem Job, aber ich zögerte den Moment hinaus, an dem ich nicht mehr auf diesem Balkon sitzen konnte. Jeden Abend blieb ich länger dort. Einmal sogar, bis es dunkel wurde. Das war der Tag, an dem er seinen kleinen Kasten repariert bekommen hat. Woran ich das gemerkt habe, weiß ich jetzt gar nicht mehr, ich wusste es eben.

Dann kam die Nacht und endlich fand ich heraus, was er da die ganze Zeit gemacht hatte: Der Kasten war ein Filmprojektor. Als es dunkel genug dafür war, fing er nämlich plötzlich damit an, einen alten französischen Film an die gegenüberliegende Wand zu werfen. Du kannst dir nicht vorstellen, was mein Herz für einen Hüpfer machte, als ich hochguckte und plötzlich in das riesengroße Gesicht von Jean Gabin sah … nein, den musst du nicht kennen … und dann merkte, dass er unten im Innenhof stand und mich anlächelte, einfach so. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass ich da sitze und ihn beobachte. Die ganze Zeit schon. Ich habe nie herausgefunden, seit wann er das wusste.«

Die Mutter schob eine Haarsträhne zur Seite mit einer Bewegung, der man anmerkte, dass die Mähne einen halben Meter länger sein müsste, um so nach hinten geworfen zu werden. Sie unterdrückte die Versuchung, ihre Augen zu schließen und sich zurück in diesen Sommer fallen zu lassen, der immer noch honigsüß nach Sehnsucht mit Mücken schmeckte und nach Tagträumen von barmherziger Präzision.

Ihre Tochter sah überaus zufrieden aus. Sogar von ihrem Teenie-Universum aus, das sich naturgemäß nur um sie selbst drehte, konnte sie nachvollziehen, wie romantisch es gewesen sein musste, monatelang einen süßen Freak zu beobachten, der dann einen Innenhof in ein Kino mit alten Filmen verwandelte. Cool. »Und das war dann mein Papa und ihr habt geheiratet und später mich bekommen.« fasste sie zusammen.

»Nö.« sagte die Mutter.

»Das war sein bester Freund Paul, der für die Abi-Fete den Projektor repariert hatte, damit da auf der Party Popvideos an die Wand geworfen werden konnten. Harald kam dann nur ihn und den Filmprojektor abholen, als ich gerade unten im Innenhof war. Und dann haben wir irgendwann geheiratet und dich bekommen.«

# 09. Januar 2008 um 10:40 PM
fictionfragments • 8x FeedbackDrucken





Mittwoch, 17. Januar 2007

Erkenntnis, nicht neu

Ego kills anything. Es ist unglaublich mühsam, wenn jeder die Welt nur aus dem eigenen Blickwinkel in Angriff nimmt, noch viel mühsamer allerdings ist das Bestreben, eben gerade dies bewusst nicht zu tun. Die Lösung läge in der Normalität, doch wer hat auf die schon immer Zugriff?

Einmal versucht, aus einem vollen öffentlichen Verkehrsmittel auf einen Bahnhof mit ungeduldig wartenden Menschen auszusteigen, und du weißt alles und doch auch wieder nichts über die Menschheit. Besonders, wenn die obligatorische Schmallippenhippe im urbanen GhettoQueen-Look schön laut ihr »Wenn ich erst mal aussteigen dürfte BITTE sehr« über das Gleis zischt und sich dann applausheischend umsieht. Schon gut, möchte man sagen, du erziehst ganz sicher auch keinen, aber wer erklärt dir das? Man sagt aber nichts, sondern drängt sich einen Weg hinaus und freut sich dann über die Freiheit.

Noch was.

Eine Empfehlung: Wenn jemand mit dir darüber reden möchte, dass er bei Ebay erst dann Bewertungen vergibt, wenn er eine (positive) erhalten hat und langwierige Begründungen dazu auszupacken anfängt, genau dann ist eigentlich ein guter Moment zum Gehen. Weggehen, um es unmissverständlich niederzubloggen. Gerne auch kommentarlos.

# 17. Januar 2007 um 11:23 AM
fictionfragments • 1x FeedbackDrucken





Dienstag, 02. November 2004

High Noon in der Strandbar

Die Milchbar mit Meerblick wird von einem brüllenden Kleinkind terrorisiert und auch der Abtransport durch Mama auf die Außenterrasse geht nicht besonders geräuschlos ab. Aber das ist egal, ich kann das Kind und die verzweifelten Eltern sauber ausblenden, denn der Kaffee ist gut und hier direkt über dem Strand kann man sitzen und schreiben, wenn auch eigentlich ganz andere Themen anliegen würden als die Atmosphäre in einem schönen Café. Schräg links sitzen zwei wie Chefsekretärinnen aussehende Frauen Mitte 30, sachlich gestylt, bebrillt, sie gucken streng und teuer parfümiert. Ich weiß, wie man die bedient, ich könnte ein offenherziges Anlächeln über sie ausschütten und sie würden unverbindlich zurücklächeln und mich fortan freundlich gesinnt betrachten. Es amüsiert mich aber weit mehr, die strengen Blicke kühl zurückzugeben und von Kopf bis Fuß und wieder zurück kritisch gemustert zu werden. Wenn sie sich kurz und unauffällig eine Bemerkung zufallen lassen, und das geschieht bestimmt bald, denn sie beobachten das Getippe auf dem Laptop sehr genau, dann kann ich immer noch den fremden kalten Krähenblick in einen fastnachbarschaftlich anmutenden verwandeln. Lächeln ist so mächtig, auch wenn es ein getarntes Lachen ist über all das, was in der Welt geschieht.

Mein Handy gibt zu meinem haltlosen Entsetzen fröhlich dudelnde Fahrstuhlmusik von sich und da ich diese Nummer fast niemandem gegeben habe, dauert es ein paar Sekunden, bis ich begreife, dass es sich um einen Anruf handelt. Der erste überhaupt auf diesem Handy, wenn ich ehrlich bin (ich mag Mobiltelefone nicht wirklich), aber leider kann ich genau jetzt und hier nicht reden, denn neben dem Tobekind, dem geräuschvollen Zusammenräumen des für drei Kindergärten ausreichenden Spielzeugvorrats und Enyas „Only Time“ in der Dauerschleife geht es einfach nicht. Die Dame mit dem dunkelgrell pink übermalten Mund hat die hysterisch eng verschränkten Arme irgendwie vom Oberkörper abgelöst bekommen - irgendwer muss ihr geholfen haben, als ich nicht darauf geachtet habe - und wippt nun einen ungeduldigen Fuß in gekünstelter Nachlässigkeit auf und ab, das Kinn in charmant-neckischer Anmutung (denkt sie) auf eine merkwürdig in sich gespreizte Faust gelehnt. Details, die mir nicht auffallen würden, wäre sie nicht damit beschäftigt, mich zu mustern. Sie findet sich sehr stylish, das sieht man. Ich finde das eher nicht, aber extrem anstrengend sieht sie aus. In der Ecke sitzt ein kleines blondbezopftes Kind mit einem Teddy, das still ein Buch liest und fragend eine Hand hebt, wenn es der Mama eine Frage stellen möchte. Terrorkind gleichen Alters („Dirk-Jannis“) wälzt sich mitsamt Erziehungsberechtigten brüllend über die Terrasse mit Ausblick und eine schicke ältere Dame in elegantem weißem Mohair nickt mir freundlich zu, bevor sie sich mit ihrem Milchreis am Tisch gegenüber niederlässt.

Pinkbemalte Schnute und die andere Squaw kommen mir immer vertrauter vor, je länger sie mich bei ihren Dialogen (un)heimlich beäugen. Jetzt habe ich sie auch erkannt, es müssen dieselben Frauen sein, die frühmorgens im Doppelpack hoppelnd und quasselnd über den Trimmpfad im Wald joggen. Die Gesichter kann ich mir nicht merken, aber die Themen habe ich erkannt: Andere. Andere Frauen und dann noch, wie die eine einen Mann findet, denn die andere in einem typischen Zweiergespann hat meist einen festgenagelt und kann daher gute Tipps geben, Mut zusprechen und die interaktive Tussentherapie durchführen. Die TT besteht in einem andauernden gehässigen Abgleich von Figur, Frisur und Lebensumständen anderer Weibchen, bei dem man sich ununterbrochen gegenseitig bestätigt, dass man besser ist. Das tröstet und ersetzt kurzfristig die andere Option, etwas am eigenen Leben ändern nämlich. Das geht zwar auch, ist aber nicht so einfach. Zu zweit sind sie echt stark, irgendwie verdammt cool und halten sich für sehr witzig, weil Ablästern und Ratschen einen guten Orgasmusersatz abzugeben scheinen. Auch dieses ältere, in den Augenwinkeln angeschrumpelte Modell, nicht nur die unerfahrenen Twens. Man fühlt sich mehr allein als sonst, wenn man diese Symbiosen sieht – aber das dann so, als ob das Solo etwas richtig Gutes von anhaltendem Wert ist. Vielleicht kenne ich die zwei auch gar nicht vom Hoppeltrippeljoggen, sondern aus der Schulzeit oder früheren Kollegenkreisen? Ich weiß es nicht, aber ich habe Spaß an ihnen. Mehr als sie wissen dürfen, aber sie merken das auch gar nicht und mein stummes Getippse tut anders als das hörbare Rütteln ihrer Schwanzklappern auch keinem weh.

Eine unerwartete Wendung nimmt das Beäugen, als eine fröhliche junge Frau mit Apfelbacken mich quer über drei Tische anlacht, denn ich greife hinter dem aufgeklappten Laptop nach dem Wasserglas und muss herumtasten, weil ich mir nicht gemerkt habe, wo es steht. Ich grinse zurück und ein kurzes Gespräch über die beiden anderen hinweg entsteht. Pinkbemalte Schnute setzt ein distanziert süffisantes Gesicht auf und schaut aus dem Fenster, um zu demonstrieren, dass sie einfach sehr cool ist und nicht auf diese Art mit anderen kommunizieren muss oder einfach, weil das ihr Bürogesicht ist und sie die anderen verlernt hat. Nun gönne ich mir den Spaß und lächele die beiden satt offenherzig an wie ein liebes Sonnenscheinchen -  die Blondierte bricht sofort ein und lächelt völlig erleichtert und merkwürdig beglückt mit allen Zähnen und viel Zahnfleisch zurück. Pinkbemalte Schnute verzieht reflexartig das ganze Gesicht zu süßlich wirkender Freundlichkeit - sie muss eine irre Angst vor der Welt haben tief da drin unter der nach zukünftigem Langwuchs hinabstrebenden Fönfrisur, oder denke ich das nur? Sie brauchen dann sehr lange, um ihre Täschchen, Jäckchen und Schultertücher zusammen zu suchen und zu gehen, dann sind sie weg. Ich überlege, ob man gute Aussichten auf einen Freispruch hat, wenn man unter Enya-Dauerberieselung etwas Unbedachtes tut, wüsste aber jetzt auch gar nicht, was das sein könnte.

Das Mittagsgericht sollen Steakspitzen in Sauce auf grünen Bandnudeln sein und ich bestelle vorne an der Theke. Zuerst sieht das so aus, als ob es gut klappen könnte, dann kommt ein asiatisch aussehender Mensch aus der Küche und möchte gerne meine Bestellung aufnehmen, die ich aber schon dem anderen Thekenbewohner gegeben habe. Auf meine Erklärung hin sagt er „Harampfabbasdfdf.“ Oder so ähnlich, es lässt sich mit einiger Mühe als „ich mach das schon“ interpretieren. Also wiederhole ich meine Bestellung und ernte prompt ein „gmpfgnabrmpfngnö blabrng hmpffgn“. Ich zeige auf das Schild „Steakspitzen in Sauce auf grünen Bandnudeln“ und er beginnt damit, Reis und Curry-Sauce auf einen Teller zu schaufeln. Ich schüttele den Kopf, wiederhole langsam und deutlich meine Bestellung, zeige auf die Steakspitzen und zeige auf irgendwelche Nudeln, denn grüne gibt es gar nicht. Er kontert unerbittlich auch bei der vierten vorsichtigen Nachfrage mit „hgrfdfskklmänghj sasdfkdf hmmgggghhhmmnpf!“, reicht mir den halbvollen Reisteller und ich habe keine Wahl, als seinen danebenstehenden Mitkellner anzusprechen und leise, bedacht und freundlich zu sagen „ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich verstehe kein Wort von dem, was ihr Kollege sagt und ich möchte wirklich nur das Tagesgericht bestellen, nicht den Reis mit Curry.“ Natürlich sagt der eingeborene Kellner dann vorwurfsvoll zu mir „Hmpffnngä wollte Ihnen nur helfen“ und ich fühle mich gemein, verständnislos und nicht ausländerfreundlich genug. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, den vorbildlichen Deutschen detailliert bis hin zu den feuchtwarmen Details über meine zwischenmenschlichen Beziehungen zu anderen Nationen in den letzten 20 Jahren zu informieren, schleiche dann aber geknickt an meinen Tisch zurück in der Hoffnung, dass die anderen Gäste nicht mitbekommen haben, dass ich darauf bestanden habe, das Tagesgericht zu bekommen. Bin dann doch bald sehr froh, dass ich dieses leckere Essen erstritten habe, statt mir aus fehlgeleiteter Höflichkeit ein anderes (seltsam orangefarbenes) aufnötigen zu lassen. Manchmal ist das Leben unnötig schwierig. Finde ich.

Die ältere Dame lächelt mir immer wieder zu und fragt dann, ob ich arbeite. Ich schäme mich schon wieder fast, denn ich habe die USB-Festplatte absichtlich vergessen, um hier am Meer rumsitzen und ohne irgendwelche Aufgaben einfach zu machen, was ich will. Ich schreibe nur ein bisschen, was mir so alles passiert und durch den Kopf geht, erkläre ich. Ah, sagt sie. Wie Kerouac. Wie Kerouac, sagt sie und ich könnte weinen. Einfach nur weinen. Einmal aus dem offensichtlichen Grund und dann auch noch, weil ich eine Lebensversicherung habe, Bügelwäsche und WLAN und dabei könnte ich doch auch in einem zerbeulten zugesifften VW-Bus völlig pleite durch die Welt reisen, am besten in Krisengebiete oder verkommene Metropolen, um darüber zu schreiben, wie lebendig und wie scheiße und wie grandios und einzigartig die Menschheit ist und die einzelnen Menschen sowieso und mich Tag für Tag aufreiben und an tiefenphilosophischen Anwandlungen kaputtgehen, aufbrechen förmlich und ausbluten und dann aus den offenen Stellen das Leben rauslaufen lassen direkt bis auf die Tasten und dann .... dann.

Jetzt kann ich natürlich nicht weiterschreiben. Ich meine, wer könnte das schon noch. Wie Kerouac! So ähnlich, sage ich. Was soll ich auch sonst sagen.

# 02. November 2004 um 03:13 PM
fictionfragments • 7x FeedbackDrucken





Donnerstag, 21. Oktober 2004

Zielbahnhof

An einem Mittwochnachmittag zwischen 15 Uhr und 15 Uhr 7 traf Sabine im ICE nach Göttingen die große Liebe ihres Lebens. Sie hatte immer die Befürchtung gehabt, dass er ihr doch noch begegnen würde, nachdem sie pünktlich bis Mitte 30 dem biologisch abbaubaren Ticken ihrer Eierstöcke gefolgt war und noch vor Toresschluss ihren Hammel ins Trockene geschafft hatte. In ehrlich gemeinter und aufrichtig zärtlicher Zuneigung selbstverständlich, nur Die Ganz Große Liebe war es eben nicht. Die Ganz Große Liebe trug lässige Jeans, ein graues, dennoch edles Hemd und schräg geschnittene blaugrüne Augen. Er hielt ein Marketingbuch in der Hand, hätte lieber im Raucherabteil gesessen und obwohl ein fieser kleiner Mann im überteuerten Anzug ihm beharrlich ins Ohr quatschte, konnte sie ohne jeden Zweifel erkennen, dass er es ebenfalls wusste: Sie waren füreinander bestimmt.

Die Landschaft schob sich am Fenster vorbei, während Sabine dem warmen Kribbeln in ihren Lungenspitzen hinterher horchte und nur die Augen schließen musste, um Hand in Hand mit ihm den gleißend hellen und doch Geborgenheit ausstrahlenden Raum am Rande des wachen Bewusstseins aufzusuchen, der für Liebende reserviert ist. Fast sieben Minuten lang badete sie ihre Seele in dieser Wärme, während seine Hand sachte ihren aufs Knie hochgelegte Fußknöchel umschloss, zwei Finger auf ihrem Puls, die Augen geschlossen wie sie selbst. Als die Durchsage kam, sahen sie sich an. »Du musst aussteigen.« sagte er und sie legte schnell eine zärtliche Zeigefingerspitze auf seine Lippen, als sie merkte, dass er noch mehr sagen wollte als das Offensichtliche. »Bitte nicht. Ich will nicht wissen, wie du heißt.« Sie verstanden sich auch fast wortlos so gut, dass sie nur wenige halbe Sätze gebraucht hatten, um sich darauf zu einigen, dass es mit zu viel organisatorischem und emotionalem Aufwand verbunden wäre, wenn sie nun für immer zusammenbleiben würden.

# 21. Oktober 2004 um 08:34 PM
fictionfragments • 2x FeedbackDrucken





Seite 1 von 1 Seiten insgesamt.