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Ein Feuer, das ein Haus oder einen Teil davon vernichtet, dauert nur wenige Stunden. Aber es kostet Jahre.

Normalität ist etwas, das uns immer noch zu entgleiten droht in dieser Twilight Zone zwischen der Rückkehr in unsere Wohnung und der Verarbeitung des Traumas.

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Hausgeist

Mittwoch, 31. Januar 2007

Herr Schmidt wurde gesichtet

Hier. (Siehste, Creezy?)

# 31. Januar 2007 um 07:08 PM
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Dienstag, 30. Januar 2007

Kein Abschied

Herrn Schmidt herbeizurufen erweist sich im Computerzeitalter als einfachste Übung. In Ermangelung eines Ouija-Bretts und völliger Unlust, mit Gläsern zu rücken, setze ich den Cursor in ein Dokument mit sehr viel Text und lege einen Finger locker auf die Maus.

Ohne zu klicken rufe ich nach Schmidtchen, der nicht widerstehen kann und zunächst ein paar Buchstaben markiert. Ein zielsicherer Doppelklick befördert ihn ins Zimmer zurück. Es wird jedes Mal immer noch ein bisschen schwieriger, ihn wieder aus dem PC zu holen, seit er den Cyberspace für sich entdeckt hat.

»Wir müssen reden.« Er sieht aus, als würde er lieber seine Mails checken (hausgeist@gmx.org), steckt einen Zeh in den Kabelschacht und guckt betont gelangweilt, aber das Gespräch kann jetzt nicht mehr warten.

»Lieber Herr Schmidt, Sie müssen ausziehen.« Jetzt habe ich seine volle Aufmerksamkeit und finde, dass er leicht grünlich aussieht und etwas gefährlich schillert.

»Bitte lassen Sie mich ausreden. Ich kann hier keine Hausgeisttexte zu einer regelmäßigen Einrichtung machen, aus Gründen. Einer ist die Erwartungshaltung, die sofort aufkam - auf die ich aber keine Lust habe und die ich nicht bedienen will, ein anderer ist die mangelnde Originalität wiederholt auftretender imaginärer schrulliger Bekannter, puh. Zuviel davon muss echt nicht sein.

Außerdem habe ich da sowieso noch den Fee, von dem überhaupt nur zweimal jemand mehr lesen wollte. Der Fee ist länger hier, keiner fragt nach ihm und er hat auch weder seine Frau verprügelt noch sein Leben versoffen, also habe ich beschlossen, nur den Fee zu behalten. Für Notfälle.«

Herr Schmidt schweigt dunkelschillerndgrün. Da er darauf nichts zu sagen hat, hole ich tief Luft und füge schnell noch hinzu: »Außerdem habe ich gesehen, dass Sie gerne im Internet sind. Ich habe gedacht, Sie möchten vielleicht ganz dorthin ziehen.«

Schmidtchen wechselt die Farbe von schimmelig zu marzipanrosa und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass er an den Kanten flimmert.

»Das geht?« - »Ja, das geht.«

Ich erkläre Herrn Schmidt, dass man das Internet nicht ausschaltet, wenn wir die Computer herunter fahren, was eh selten genug ist, und er lauscht sehr aufmerksam einem kleinen Abriss von Arpanet bis DSL. Dann fällt der Groschen und diesmal bin ich sicher, dass seine Konturen nun allmählich verpixeln.

Wir verabschieden uns höflich in der Gewissheit, uns gelegentlich online zu begegnen und er macht sich auf den Weg zum Router, nachdem er nun weiß, was das ist. Ich hoffe, er wird hier nicht mehr herumlungern und nimmt alle Erinnerungen mit, die er im Haus ausgelöst hat.

Das Haus ist ruhig. Das Netz ... ein heimatloser Geist mehr oder weniger im Internet, darauf kommt es wohl nicht an.

# 30. Januar 2007 um 03:26 PM
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Dienstag, 03. Oktober 2006

Untermieter

Herr Schmidt hatte sich inzwischen darauf eingestellt, nicht mehr alleine zu hausen. Auch auf die neuen Sanitäranlagen – er sah sauberer aus, rasierter. An sonnigen Herbsttagen auch einige Jahrzehnte jünger, vielleicht wenn er sich an andere Lebensphasen erinnerte. Über dreißig Jahre hatte er in diesen Räumen verbracht, sicher hatte er auch nicht immer so schwer getrunken, sonst wäre er nicht 80+ geworden.

Seine besten Jahre hier müssen die frühen 60er gewesen sein, er sah gekämmt und gesund aus und roch nach Apfelschorle und nicht nach Klarem, seine Kleidung war sportlich und er wirkte wie auf einer zufriedenen Durchreise. Zum Ende hin vegetierte er nur noch, schwankte zwischen zusammengepresster Höflichkeit und fast schon Randale.

Einmal erwischte ich ihn mit Mitte bis Ende 40, die Haare mit Gel nach hinten gestrichen in einem fein gestreiften Hemd – man konnte ihm ansehen, dass er sich für einen Frauentyp hielt mit den dackelfeuchtbraunen Augen und dem oberflächlich jungenhaften Blick, dem man das Abgenutzte ansah. Schnell legte er den erprobten flachen Charme in die Lachfältchen und machte artig den Weg frei mit einer übertriebenen Geste, die als Scherz durchgegangen wäre, hätte der halbjunge Schmidt nicht zu einem Drittel in der Wand gestanden dabei.

Bei der nächsten Begegnung schwankte er wieder kahlköpfig und wollte sich mit mir unterhalten. Darüber, was für ein fescher Kerl er doch gewesen sei, nehme ich an. Mir schwebte allerdings ein ganz anderes Thema vor – ich hatte etwas erfahren über ihn.

# 03. Oktober 2006 um 11:47 AM
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Dienstag, 05. September 2006

Gefährte

Elzbieta also. Herr Schmidt schien nicht die größte Lust zu haben, über sie zu reden. Mich interessierte momentan nur eins: War sie ebenfalls tot, musste ich dann mit einem weiteren ungebeten Hausgeistgast rechnen? Na ja, und dann noch, wie ihre Beziehung ausgesehen hatte. Wüste Leidenschaft konnte es nicht gewesen sein, wenn Schmidtchen in seinen letzten Jahren bis zu einer Stunde gebraucht hatte, um in den dritten Stock zu krauchen.

»Sie hat genau so lange gebraucht bis oben« sagte Herr Schmidt empört, als ich ihn mit diesen Überlegungen konfrontierte. Er überlegte kurz und ergänzte dann vorsichtig: »Elzie war einem guten Schluck nicht abgeneigt.« War? Entweder hatte ihre Neigung sich geändert oder ich musste damit rechnen, dass sie irgendwann der neuen Heiztherme entfleuchte oder nach preiswertem Rotwein duftend durch die Deckenpaneele tropfte. Je länger ich mich in Gesellschaft befand, desto besser kannte ich mich aus.

Das Universum verliert nichts. Die einen bleiben, weil sich ihr Atem vermischte und ihre Seelen berührten, anderen können einfach nicht fort oder wollen nicht. Ich nehme an, den meisten geht es gut damit, sonst würde man mehr von ihnen merken.

Unser spiritueller Mitbewohner wirkte heute irgendwie erkältet. Vielleicht auch nur verstimmt. Er sah sich die ganze Zeit um, besonders in den Ecken. Dann setzte er sich und ließ die Knie nachlässig durch die Stuhlkante suppen. Er schnupperte und nieste und meinte dann sehr ernst: »Alleine sein ist nicht schön.«

Ich widersprach nicht, legte aber auch den Akkuschrauber nicht weg, denn der Möbelberg musste noch sehr wachsen. Manchmal, wenn ich ohne hinzuschauen eine Hand tief sinken ließ, hatte ich das Gefühl, eine kleine goldenpelzige Stirn würde meine Finger berühren. Vielleicht sah Herr Schmidt ihn auch, denn vorhin hatte ich gehört, wie er leise »Miez, miez« den Flur hinuntermurmelte. »Alleine sein ist nicht schön« wiederholte ich und ahmte dabei Schmidtchens Tonfall nach, »aber wann ist man schon wirklich alleine?« Dann schnurrte ich kurz, ganz kurz nur. Man konnte den Ruf nur hören, wenn man das Geräusch schon kannte.

Der kleine blonde Kater kam herein, sprang in einem Satz die fünf Meter bis zur anderen Wand und schwebte langsam am Fenster entlang. Dann setzte er sich auf die Fensterbank und säuberte sorgfältig alles, was der Tierarzt bei der Kastration übrig gelassen hatte und das Drumherum. Anschließend rollte er sich seufzend zusammen und versank leise schnurrend langsam im Holz, wobei er stetig transparenter wurde.

Also doch zischelte Herr Schmidt. Er nieste und schnalzte mit der Zunge »Miez, Miez!« Er fuchtelte an der Fensterbank herum und quetschte prüfend das Holz, wo das goldene Tierchen gelegen hatte, obwohl seine Finger in der Fensterbank verschwanden. Schüttelte den Kopf, musste lachen und sah doch erstaunt aus, nieste.  Dabei waren meine lebenden Katzen noch gar nicht eingezogen, sondern nur der Goldene und seine Asche. Dann nieste er wieder.

Elzbietas Gefährte, unser frischer Hausgeist - hatte eine Katzenallergie.

Nandi.

# 05. September 2006 um 09:59 PM
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Sonntag, 03. September 2006

Zwielicht, skandinavisch.

Während ich in der entstehenden Küche mit Hilfe meines neuen Akkuschraubers ein Gebirge aus FAKTUM, PERFEKT, FLÅREN und VÄTTERN erstellte, las Herr Schmidt die Anleitungen mit und schubste die passenden Schrauben in meine Richtung. Oder die Schrauben, die er für die richtigen hielt, was sie meistens nicht waren. Ich tat dann so, als würde ich erst etwas anderes zusammenbauen und klaubte mir zwischendurch schnell zusammen, was ich wirklich brauchte.

Mein Akkuschrauber ist etwa halb so groß wie der von Oliver und liegt gut in der Hand. Mir hat er besser gefallen, bevor ich im Baumarkt sah, dass mehrere kleinere männliche Kinder genau denselben geschenkt bekommen haben, aber er funktioniert gut. Herr Schmidt hat sich kaputtgelacht, als er merkte, dass die ganzen Möbelkartons voller Einzelteile waren, die man selbst zusammenbauen musste – bis ich ihn sanft darauf hingewiesen habe, dass wir seine Dusche gesehen hatten, die einen selbst gehämmerten Holzverschlag in der Küche hatte, und er also in keiner vorteilhaften Position sei, unseren entstehenden Schrankberg auszulachen. Daraufhin grinste er aber nur.
Er hatte sich an uns gewöhnt. Wie viele eher schlicht strukturierte Männer diverser Intelligenzabstufungen begann Herr Schmidt einen neuen Kontakt, ein neues Projekt oder eine frische Situation gerne damit, erst mal gewaltig das Maul aufzureißen, jeden und alles anzupöbeln und sich durch eine große Klappe und anhaltendes Gemotz zu positionieren. Ein Hund würde an Hausecken pinkeln, Männer müssen meist erst mal was beweisen, egal was. Diese Phase hatte Schmidtchen bereits hinter sich, und da es keine Pokale zu gewinnen oder Management-Jobs zu besetzen gab, war er nun handzahm wie ein abgeschabter Frotteewaschlappen.

Ich hatte den VÄTTERN-FAKTUM-Überblick irgendwie verloren, was größtenteils daran lag, dass die Türen noch fehlten und auch an Herrn Schmidt, der äußerst hilfreich Schrauben auch aus jenen Tütchen nahm und reichte, die ich extra beiseite gelegt hatte, damit sie mir nicht dazwischenkamen. Die PERFEKT-Regale wären kein Problem gewesen, wenn alle Bretter die benötigten Löcher gehabt hätten, doch ein Bausatz war fehlerhaft. Es kostete mich viele Minuten meines Lebens zu begreifen, dass nicht ich es war, die von der schwedischen Bedienungsanleitung überfordert war - sondern die Skandinavier hatten keine Löcher gebohrt.

Das erfreute Herrn Schmidt ganz ungemein, der zwischenzeitlich lange Vorträge über Schreinerkunst und ‘früher war alles besser’ gehalten hatte und damit scheinbar auch noch nicht aufhören wollte. Also unterbrach ich ihn und erzählte ihm, dass ich inzwischen von Elzbieta erfahren hatte. Elzbieta, die sich bereits mit seinen Sparbüchern aus dem Staub gemacht hatte, als er noch erkaltend in der Küche lag, aber das erwähnte ich nicht.

So schnell hatte ich Schmidtchen noch nie verschwinden sehen. Manchmal verwehte er leicht, wie kalter Rauch. Ab und zu verblasste er, wurde erst transparent und dann löcherig. Diesmal aber gab es ein unhörbares, aber deutlich fühlbares ‘Plöff’ und weg war er.

# 03. September 2006 um 08:29 PM
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