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Sonntag, 08. August 2010

Alles weg, dann doch nicht ...

Alles weg, dann doch nicht, dann doch wieder, dann doch nicht alles ... aber fast.

Aber: Wir haben jetzt in der Übergangswohnung alles, was wir brauchen. Es ist unglaublich lieb, dass immer noch mehr Hilfsangebote eintrudeln, aber wir kommen jetzt wunderbar klar, vielen Dank!

Jeden Tag werde ich gefragt, was wir denn aus der Brandwohnung retten konnten. Ich würde ja gerne darauf antworten, bin aber selbst nicht sicher. Alles ist Chaos, alles ist Stapel und manches muss noch weggeworfen werden. Wir arbeiten noch am Überblick darüber.

Als ich vor dem brennenden Haus stand (Bericht folgt noch), sah ich die Flammen über das gesamte Dach wandern und verabschiedete mich innerlich von allen Dingen, die wir besessen haben. Vom Kirchplatz aus sah es so aus, als wäre das Feuer überall.

Am nächsten Morgen stellte ich fest, dass der Dachboden ausgebrannt war und einige Zimmer eingestürzt, vieles aber hatte für meine nun mal in Sachen Brand total unbedarften Augen zunächst “nur” Wasserschäden. Andere dachten auch, es sei nicht viel kaputt - zuerst. War natürlich doch ein Totalschaden, die Wohnung.

Ich hattte noch nicht begriffen - und noch keinen der verquollenen Schränke geöffnet - dass das Löschwasser überall war und nur wegen des brühwarmen Wetters nicht mehr überall in Pfützen stand. Also dachte ich zuerst, man könne total viele Dinge retten und viele Helfer schleppten Zeugs hin und her (jeweils fotografisch dokumentiert).

Dann kamen die Experten für “Brandsanierung” und erklärten mir, dass ich mir den Krebs ins Haus holen würde mit verseuchten Möbeln und Sachen, über die Löschwasser gelaufen sei durch die verbrannten Dachbalken durch - auch Sachen, die total OK aussähen, müssten weg. Das sagten sie mir alle unabhängig voneinander, und spätestens dann war klar, dass offenporiges Holz uns verlassen musste, auch wenn es sich um wunderschöne Stücke handelte, die nahezu unversehrt wirkten. Wie die große alte Truhenbank aus der Küche, zweieinhalb Meter Stauraum und gemütlicher Platz für viele Freunde.

Also haben wir dann schweren Herzens die zweihundert Jahre alte Aussteuertruhe, die einmal unser Couchtisch werden sollte und die wir schon “gerettet” hatten, dann doch noch in kleine Stücke gehackt, damit bloß niemand in Versuchung kommt, sich dieses schöne Stück mitzunehmen und sich dabei dann vielleicht unwissentlich tödliches Gift ins Haus holt - denn getrocknet sah sie schon wieder unverdächtig aus, wenn man nicht Bescheid wusste. Für bessere Pläne (neuralisieren lassen vom Fachmann) war keine Zeit und Kraft vorhanden.

Das absichtliche Zerstören der alten Truhe war ein sehr merkwürdiges Gefühl. (Bei der Bank bestand keinerlei Mitnehmgefahr, die war ja riesengroß, extralang und sauschwer und es waren Stückchen ausgebrochen.)

Dieses Auf und Ab setzte sich noch fort.

Denn es begann ja auch noch zu regnen, immer mehr Wasser lief hinein. Es gab Dachplanen, dann wurden sie undicht und ich musste nochmals die Feuerwehr rufen, um sicher zu gehen, dass nichts einsturzgefährdet ist.

Einerseits haben wir Kleckerkram und Einzelteile aus verschlossenen Schränken geborgen und auch manche Möbel, andererseits dann im Nachhinein doch vieles davon trotzdem noch wegwerfen müssen, weil es nach Brand roch und der Geruch sich nicht entfernen ließ. Bücher ... die vielen Bücher, alle verseucht bis auf einen kleinen Karton voll gerade ausgelesener. Als ich diesen Eintrag schrieb, dachte ich noch, dass gar nichts vor dem Feuer und seinen Folgeerscheinungen gerettet werden kann.

Zwischenzeitlich haben wir wertvolle Dinge geborgen: Das sorgfältig dreifach verpackte hundert Jahre alte Taufkleid mit den eingestickten Namen der ältesten Töchter. Die Schatzkisten vom Kind mit den Erinnerungen an das erste Jahr, schön solide aus lackiertem Holz.  Das Fotoalbum von der Hochzeitsreise (und ich dachte noch, wer außer dir laminiert denn ein ausgedrucktes Blog .... damals). Klecker- und Kleinkram und dank der hartnäckigen Mottenplage vorher auch Textilien, die ich beim Kampf gegen die Mottennester bereits in luftdichte Plastiktüten gesteckt hatte.

Die liebste Puppe. Das Lego.

Einiges Gerettetes musste dann aber doch noch weggeschmissen werden, und wir haben kaum ein elektrisches Gerät mitgenommen außer dem Kopierer (der stand trocken abgekoppelt unter nicht geborstener Gaube und hatte kein Löschwasser abbekommen) und den geborgenen Handys, weil man uns auch davor immer wieder gewarnt hat: Zu oft hätte eine Familie einen Brandschaden überstanden, um dann kurz darauf durch beschädigte Geräte das nächste Feuer im Haus zu haben.

Schade.

Vor allem ums Büro, die Grundlage unserer Existenz. Wir sind jetzt wieder fast “einsatzbereit”, aber alles fühlt sich fremd und falsch an. Noch.

Ich darf nicht zu viel und so oft daran denken, dass unsere ganze liebevoll bis ins allerletzte Detail geplante Küche, unser Bad, beide rundherum ausgestatteten Arbeitsplätze und die ganze Bürokommunikation und über zweitausend Bücher zerstört und weg sind.

Alles nur Zeugs, nichts ist so wichtig wie ein Menschenleben.

Einer aber ist noch da, und das wird viele freuen. Denn so ziemlich alle, die uns je besucht haben, fragten nach dem großen blauen Schrank:

Wir haben das Karteimonster retten können, denn es stand an einer der nicht eingestürzten Gauben, es war von uns ordentlich abgeschliffen, grundiert und zweimal lackiert worden und zwar rundherum. So konnte der Karteischrank gut abgeseift werden - hat sich definitiv gelohnt, auch die Stellen zu bearbeiten, die man nicht von vorne sieht.

Ehemaliger Karteikartenschrank I

*

p.s. Ein Bericht ist in Arbeit. Ich suche immer noch nach Einzelheiten, um meine Erinnerungslücken der ersten Tage zu füllen.

p.p.s. Die Thrombose ist weg, überstanden. Hurra :-)

# 08. August 2010 um 12:01 PM
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Samstag, 07. August 2010

Eine von vorn bis fast ganz hinten erfundene Geschichte

Steht hier.

# 07. August 2010 um 05:02 AM
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Freitag, 06. August 2010

Walk through the Fire

Heute ist der Brand vier Wochen her. Manchmal kommt es mir vor wie vierundzwanzig Stunden, dann wieder wie ein Jahr.

Wir kämpfen um Normalität, ich auch immer noch um einen lückenlosen Bericht (für mich, mir fehlen ganz viele Erinnerungen) und ich versuche vor allem einen Dank zu formulieren, der allen gerecht wird, die uns geholfen haben. Das dauert noch, unter anderem wegen der Erinnerungslücken und weil der Gedanke mich völlig überfordert, ich könnte etwas vergessen.

Überwältigend und allgegenwärtig ist immer noch das Gefühl der Wärme und Hilfsbereitschaft, das mich durch die ersten Tage getragen hat, als mein Mann auf der Intensivstation gelegen hat und ich kaum 5 zusammenhängende Minuten am Tag mit meinem Kind verbringen konnte.

99,9% der Menschen, auf die wir getroffen sind, waren wunderbar und haben diesen absolut krassen Ausnahmezustand verstanden, in dem wir uns befanden.

Man hat mir aber zwischendrin auch vorgeworfen, mich nicht bei allen bedankt zu haben, nicht alles Organisatorische in der von anderen geforderten Reihenfolge und Geschwindigkeit abgewickelt zu haben. Sogar dass unsere Helfer in der Übergangswohnung für uns spontan das widerliche Mittelstrahlgelb weggemalert haben und ich eine neue Matratze für Oliver geholt habe, statt die aus dem Sperrmüllkeller zu verschenkende zu nehmen (was ich mich nicht traute, wegen der Brandwunden 3. Grades und Hygiene), habe ich schon rechtfertigen müssen und ich glaube ernsthaft (und aus Gründen), wenige bestimmte Menschen würden ein zufriedeneres Leben haben, müssten wir nun verzweifelt an Straßenecken betteln.

Dank spontaner Hilfsbereitschaft und kluger Unterstützung ist aber genau das nicht eingetreten. Ihr seid ganz schön unglaublich.

Eins ist klar: Es sind sowieso nur die Erlebnisse mit den Guten, die für uns zählen und an die wir zurückdenken werden.

Die spontane Reaktion wäre “Ich schau mir bei Gelegenheit dann auch gerne mal an, wie die forsch-selbstgerechten Kritiker ein solches Ereignis bewältigen.” Aber die Wahrheit ist: Ich wünsche nicht mal den schlimmsten Menschen so einen Einschnitt in ihren Schutz-, Lebens- und Arbeitsraum.

In den ersten acht Tagen habe ich so gut wie nichts gegessen, nie länger als anderthalb Stunden am Stück geschlafen, meine überlebenswichtigen Medikamente unter widrigsten Umständen besorgt, mein Kind so gut wie irgend möglich versorgt/versorgen lassen und lebte einen entsetzlich anstrengenden Wachtraum, in dem ich über glühende Holzbalken lief wie mein Mann, meine Umgebung über mir unsichtbar aber spürbar den ganzen Tag lang meterhoch brannte und ich nur durchhalten konnte, weil man mir immer wieder erklärte: Alle leben, nur das Haus ist kaputt und die anderen konnten längst alle zurück in ihre Wohnungen, alle leben, keiner außer uns ist verletzt, alle leben.

Alle leben. Nur das zählte, jedenfalls für mich.

Um mich herum wickelten routinierte und teils auch hyperschnell genervte Spezialisten einen Brand- und Versicherungsfall ab, ich war mittendrin und musste funktionieren. Und ich habe funktioniert, so gut ich irgendwie konnte. Dank wertvoller Hilfe bin ich nicht sofort zusammengebrochen (sondern erst später), aber es hat über 10 Tage gedauert, bis ich tatsächlich begriffen habe, welche Spendenaktion da für uns läuft und dass unser Heim durch die Gebäudeversicherung wieder so aufgebaut wird wie vorher - vermutlich hat man es mir alles auch sofort gesagt, aber ich war völlig fertig und kämpfte hart am Anschlag, auch wenn ich offensichtlich nicht immer so gewirkt habe. 

Wenn ich die Augen schließe, sobald es dunkler wird draußen, laufe ich immer noch durch hüfthohe Flammen und es ist alles andere als hilfreich, dabei ständig diesen Song aus “Buffy” zu hören, den mein Kopf unaufhörlich abspielt seit dem Moment, als unser altersschwaches Auto mitten in dem ganzen Chaos ausgerechnet auf der Ausfahrt der städtischen Müllabfuhr den Geist aufgab und die großen Müllwagen es jeweils umfahren mussten, während wir auf den ADAC warteten und das Handy unaufhörlich klingelte, weil es millionenfache Dinge abzuwickeln galt.

Diese vier Wochen waren schon verdammt bizarr.


And we are caught in the fire
At the point of no return
So I will walk through the fire
And let it
Burn

(Buffy - Walk Through The Fire Lyrics)

# 06. August 2010 um 09:05 AM
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Dienstag, 03. August 2010

Treffer, versenkt

Immer noch Thrombose, immer noch Termine deswegen. Daher unterhielten sich mein Arzt und ich darüber, wie wenig Sinn es doch macht, die eigenen Krankheiten und Symptome zu googeln, weil man als Laie meist die Qualität der vielen Foren- und Blogbeiträge nicht ausreichend filtern kann.

“Sowieso, diese Blogs und dieses ganze Social Media Networking,” meinte er dann: Das sei doch alles unnötig aufgeblasener Unfug, was denn das bringen würde?

Das konnte ich ihm sagen.

Und wie ich ihm das sagen konnte.

Ratingen hat jetzt einen völlig verblüfften Internisten mehr.

(Werde für euch ausführlichen aufgeblasenen Unfug bloggen, sobald es mir zeitlich irgendwie möglich ist!)

# 03. August 2010 um 10:09 AM
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