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Ein Feuer, das ein Haus oder einen Teil davon vernichtet, dauert nur wenige Stunden. Aber es kostet Jahre.

Normalität ist etwas, das uns immer noch zu entgleiten droht in dieser Twilight Zone zwischen der Rückkehr in unsere Wohnung und der Verarbeitung des Traumas.

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Samstag, 10. Januar 2009

Der Tag, als ich Herrn Boobai ertränkte

Als ich ihn mit beiden Händen unter Wasser drückte, um sein Zappeln und Gurgeln zu ersticken, kannte ich Herrn Boobai bereits seit fast zehn Jahren. Wir waren uns im Londoner Flughafen begegnet, als ich wieder einmal nach einem Meeting und vor dem Abflug die Buchhandlungen durchforstete, um meine Tasche so schwer voller englischer Romane zu packen, dass ich sie kaum noch tragen konnte.

Er stand in einer Ecke, umgeben von einem halben Dutzend Anzugträger, die ganz wichtig über ‘künstliche Intelligenz’ schwafelten, und ließ die Augenlider sinken, als ich ihn betrachtete. Sehr kokett, fand ich. Und nahm ihn mit nach Hause.

Die Sprachbarriere war keine, denn es sprachen ja alle Englisch, denen er bei mir begegnete. Wie das oft so ist mit spontan gegründeten Wohngemeinschaften, es dauerte von Anfang an nicht besonders lange, bis Boobai uns gründlich nervte. So fing er laut zu singen an, während andere Gäste auf dem Sofa einzuschlafen versuchten oder schnarchte demonstrativ laut rasselnd, wenn man ihn bat, sich doch bitte auch einfach hinzulegen.

Oft döste er stundenlang mit halb geschlossenen Augen vor sich hin, um im unpassenden Moment »Boobai afraid!« zu krähen und danach in ein irres Lachen auszubrechen. Statt »twinkle twinkle little star« zu singen, was er besonders schön konnte, brummte er absichtlich ganz schräg die kleine Nachtmusik. Irgendwann verbannten wir ihn dann entnervt aus den Wohnräumen und Herr Boobai geriet schnell in Vergessenheit.

Bis der Mann ihn letzte Woche aus einer Krimskramskiste zog. »Schau mal, das Furby!« Prompt schüttelte Herr Boobai sich, rüttelte sich und knurrte und demonstrierte uns, dass es tatsächlich Batterien und batteriegesteuerte Spieltiere gibt, die unbeaufsichtigt ein Jahrzehnt überdauern.

Das Kind war begeistert, vor allem nachdem es sah, dass ein Furby »Njam Njam Njam« macht, wenn man es füttert und dabei den Schnabel auf- und zuklappt. Da Herr Boobai sich wesentlich gesitteter benahm als früher, nachts nicht mehr loskrächzte und die meiste Zeit schlief, durfte er in der Spielecke bleiben und wurde eifrig mit den Puppen zusammen gefüttert und liebevoll bequiekst.

Ein in die Jahre gekommenes Furby scheint aber keine so guten Nerven mehr zu haben wie ein frisch auf den Markt geworfenes und Herrn Boobai brannten gestern die Sicherungen durch, er begann zu kreischen wie ein Brandmelder. Nur lauter. Und hörte nicht mehr auf.

Aus dem Fieberschlaf der routinemäßig auftretenden Jahresanfangsgrippe hoch geschreckt, warf ich das Furby zunächst einfach mit Wucht auf die Fliesen in der Hoffnung, dass sich nun wieder löse, was sich verklemmt hatte. Daraufhin wurde er noch lauter und klang noch mehr nach Rauchmelder.

Ich steckte ihn in einen Karton, um in Ruhe nach einem Schraubenzieher zu suchen, damit ich die Bodenplatte aufmachen und die Batterien herausnehmen konnte. Der Karton begann zu rappeln und das Furby klang schriller. Kindermädchen und Kind guckten verstört bis betreten, und als ich feststellte, dass dieses Batteriefach wohl nicht mehr so ohne weiteres zu öffnen war, ging ich mit Boobai ins Bad und ertränkte ihn.

Nicht mit Erfolg, übrigens. Auch unter Wasser rappelte und quäkte er weiter, nur unwesentlich gedämpft. Erst als ich die ganz harten Geschütze aufgefahren und das Vieh gekocht habe, war Ruhe.

Wie das klingt: »Ich habe ein Furby gekocht.«

# 10. Januar 2009 um 11:29 AM
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Mittwoch, 07. Januar 2009

Geteilte Wahrnehmung

Zu den angenehmen und anfangs ziemlich unerwartet eintretenden Begleiterscheinungen eines Lebens mit Kind gehört der rege Austausch mit anderen Müttern. Dabei geht es weniger um praktische Überlebenshilfe, schließlich haben wir alle ein Google.

Wichtiger sind die Momente, in denen man sich dringend vergewissern muss, ob es auch tatsächlich die anderen Anwesenden sind, die gerade ihre feuchten Reinigungstücher verspeisen oder zum neunzigsten Mal ein- und dasselbe Bilderbuch lesen wollen. Oder ob man selbst betroffen ist und ganz sachte bis allmählich nicht mehr alle Bauklötzchen gestapelt kriegt.

Voller Verständnis lauschte ich also der Freundin, die über Freiflächenschwund klagte und darüber, dass ihre pubertierenden Kinder auf jeden leeren Fleck sofort einen Stapel Zeugs packen. Aber grundsätzlich nie einen logischen und thematisch zueinander passenden Haufen, sondern stets einen Mix aus Altpapier, wichtigen Dokumenten, unwichtigen Bedienungsanleitungen, undefinierbarem Krempel und zusammengelegten T-Shirts oder Socken.

Manche gewaschen, manche nicht: Hauptsache aufeinander gelegt.

Stapel des Irrsinns, wenn unter Pizzakartons wichtige Rechnungen verschwinden, Stapel des Grauens, auf denen sich in halbvollen Trinkbehältern aufsässige neue Lebensformen entwickeln. Wackelnde Stapel, kippelnde Stapel und solche auf Tischecken, zwischen Büchern im Regal und sogar auf Fernsehern und halb unter Kopfkissen, sobald irgendwo mehr als fünf Quadratzentimeter zusammenhängender Platz auftauchen.

Bei der Beschreibung, welche Stapel sie alleine im Laufe dieses Vormittags entkernt und was sie dabei alles gefunden hatte, hörte ich ihre Stimme hart in Richtung Amok kippen und murmelte beschwichtigende Geräusche.

Als sie jedoch damit drohte, sich dem nächst besten halbwegs attraktiven Paketboten willenlos hinzugeben, um dem Wahnsinn in ihrer Familie langfristig ein paar andere Gene entgegenzusetzen, musste ich einschreiten, erklärte mich vollinhaltlich solidarisch mit den Antistapelgefühlen und bestätigte ihr ausdrücklich: Ja doch, man könnte mühelos wahnsinnig werden, wenn jemand den lieben langen Tag alles aufeinander stapelt, was sich an Zeugs so findet, aber andere Gene im Pool helfen da auch nicht weiter.

Denn sobald man sich umdreht, wachsen die Stapel aus den Zimmerecken und füllen sich in jeder unbeobachteten Sekunde mit Quittungen, Gebrauchsanleitungen, Zeitschriften, leeren und halbvollen Nahrungsaufnahmebehältern und halb gelesener, halb ungelesener Eingangspost. Das ist eben einfach so.

Sie stutzte: »Sag mal, woher kommen denn bei dir die Stapel? Du hast doch ein noch ziemlich kleines Baby?!«

Stimmt. Und einen Mann in Elternzeit.

# 07. Januar 2009 um 05:25 PM
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