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Montag, 23. April 2007

Oh so müde.

Mein Plan, mich zuhause vernünftig auszukurieren, hatte ein paar organisatorische Lücken: Postzusteller und Prospektverteiler zum Beispiel.

Wie Bluthunde hatten sie bereits kurz nach unserem Einzug gewittert, dass es sich im Grunde immer lohnte, auf unsere Klingel zu drücken, um Einlass zu finden. Als hätte jemand HOME OFFICE auf das Schild geschrieben statt Heine, gewöhnten sie sich innerhalb weniger Tage an, erst hirnloses Geschepper zu erzeugen und dann »Göhömphföhhh!« oder so ähnlich ins Treppenhaus zu brüllen, wenn ich nachfragte. Das haben sie sich natürlich nicht innerhalb weniger Tage wieder abgewöhnt, nur weil ich im Krankenhaus war und ich stelle fest, dass ich es fast nie schaffe, einfach liegen zu bleiben. Es könnte ja mal was wichtiges sein. Noch wichtigere Sonderangebotsprospekte zum Beispiel.

Die zweite Lücke: Das Telefon. Die Nummer im Krankenhaus hatte ich nur drei Menschen gegeben, nachdem ersichtlich wurde, dass in dem Zimmer sowieso rund um die Uhr so lautstark telefoniert wurde, dass ich kaum Gelegenheit haben würde. Die Nummern hier haben eine Menge Leute, klar. Jetzt sitzen meine Eltern auf verschiedenen Seiten des Globus und passen den Moment ab, in dem ich endlich eingenickt bin, um sich besorgt nach meinem Befinden zu erkundigen.

Geht so, danke.

Dann war da noch das Handy. Wer mich auf dem Telefon nicht kriegt, musste natürlich danach das Mobiltelefon jodeln lassen. Nicht nur einmal oder kurz, nein, bis zu 10xmal à 5 Minuten. Glücklicherweise kann man heutzutage innerhalb von vier Stunden eine unverbrauchte neue Handy-Nummer bekommen, wenn man nur will. Ich wollte.

Gegen die Katzen aber fällt mir nichts Wirksames ein. Mit fünf Kilo Katzenmädchen auf der Brust schläft man nur schlecht, wird man parallel noch vom Troll in die Füße gehackt, zumindest eher unruhig.

Die Umstände wollen mir also bedeuten, dass ich wieder gesund bin. So fühlt es sich aber nicht an, außerdem soll ich mich unbedingt schonen. Mehr Ruhe als im Krankenhaus ist hier ohnehin:

Ich erbitte Verlängerung.

# 23. April 2007 um 08:52 PM
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Sonntag, 22. April 2007

Heimwärts.

Waltraut hätte gerne Adressen mit mir getauscht, um mich auch zukünftig über die Entwicklung ihrer Verdauung und über den Heilungsprozess vom Löchlein auf dem Laufenden zu halten, aber ich habe es trotz lebenslanger Überkonditionierung in Sachen Höflichkeit geschafft, diesem Austausch aus dem Weg zu gehen.

Nachdem ich wusste, dass ich am nächsten Tag entlassen werde, sagte ich ihr ganz entschieden: »Diese Krankheitsgeschichte will ich jetzt nicht hören. Mir geht es selbst ziemlich schlecht, und diese Schilderungen ziehen mich nur runter.« Das hat sie dann erstaunlicherweise sofort akzeptiert und auch nicht übel genommen. Sie hatte ja noch massenhaft andere Themen, die man ausbreiten konnte, wie sich dann herausstellte.

Roswitha freute sich auf Daheim und ihren Freund. Wenn Waltraut nicht im Zimmer war, vertraute sie mir an, dass so ein enger Familienverbund ja nichts für sie wäre, sie mochte ihre Freiheiten. War Roswitha im Haus unterwegs, ließ wiederum Waltraut durchblicken, dass sie ja nichts dafür übrig hätte, einen Freund zu haben so wie Roswitha, das sei ja nichts für sie, nach dem Tod ihres Mannes habe sie das ‘nicht nötig’.

Andererseits war es Waltraut, die in längere Schwärmereien über den knackigen Hintern eines Assistenzarztes ausbrechen konnte und selbst in meinem Dämmerzustand war für es dann irgendwann für mich durchschaubar, dass Waltraut sich gerne jahrzehntelang quer durch die Republik geschlafen hätte, wenn Sitte, Moral, Anstand und die werte Verwandtschaft nicht ebenso im Wege gestanden hätten wie ein eher biederes Äußeres.

Das Übliche eben, Anprangern vor allem von dem, was man selbst gern hätte oder täte und Gelästere vor allem über Menschen, denen man sich unterlegen fühlt.

Am letzten Tag warteten nur noch Waltraut und ich darauf, endlich gehen zu können. Ich hörte ein letztes Mal die lange Geschichte vom Päckchen, dem Durchfall und dem Löchlein und wünschte alles nur erdenklich Gute für den Heilungsprozess. Ganz ehrlich übrigens. Aber die Adresse gab ich nicht heraus.

Auf meinen Nachtisch klebte noch der Honig mitten in der runden Hinterlassenschaft der Teetasse, die ich in meiner Erschöpfung nicht ganz in den Griff bekommen hatte. In den fünf Tagen hatte niemand das durchfallverseuchte Badezimmer gereinigt, es war nur einmal der Boden gewischt worden und der klebrige Tassenrand war einfach da geblieben, wo er vom ersten Abend an war.

Mir war es inzwischen egal, ich wollte nur noch schlafen. Zuhause konnte ich es dann auch endlich.

# 22. April 2007 um 08:49 PM
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Abläufe

Die Krankenhaustage begannen um mich zwischen 4 und 5 Uhr früh, wenn auf der einen Seite das röchelnde Schnarchwürgen endete und Waltraut mich ächzend und stöhnend darüber informierte, dass sie jetzt schon wieder aufs Klo müsse: Das Päckchen, der Durchfall, das brennende Loch! Seit Jahrzehnten daran gewöhnt, nur vom Wecker oder für Wichtiges geweckt zu werden, konnte ich nach dieser lautstark erfolgenden Mitteilung meist nicht wieder einschlafen und lag dann herum, bis sie vom Klo kam und genauestens Bericht über den Zustand ihrer Ausscheidungen und des Löchleins erstattete. Hatte die Nachtschwester gecremt, wurden auch dies und die Wirkung noch wohlwollend beschrieben.

Vielleicht hätte ich trotz des theatralischen Gestöhnes weiter schlafen können, hätte Roswitha nicht so irre geschnarcht oder wäre die Nachtschwester nicht zum Verabschieden gekommen (“Ach, da hatte ich wohl vergessen, Ihnen dieses Zeugs zu geben … sagen Sie mal nichts, ok??!!” – Was sollte ich da groß sagen, ich verzichte doch gerne auf die Linderung von Atembeschwerden, weil die Frau, die mir untertellergroße Spritzenhämatome macht, mich lieber bevormundend über mein Gewicht zutextet, als mir sämtliche verschriebenen Medikamente zu geben).

Hatte die Nachtschwester uns wachverabschiedet, griff Roswitha zum Telefon, ging Waltraut wieder aufs Klo inklusive Reporting, dann stellte man alterndes Graubrot mit deprimierendem Belag neben mich. Wenn Roswitha fertig telefoniert hatte, wusste ich alles über ihre Verdauung der Nacht, dann ging sie ins Bad, Waltraut begann zu telefonieren, bis Roswitha kam und wiederum Bericht erstattete, was das Päckchen vor drei Tagen so als letztes bewirkt hatte.

Ein Höllenlärm. Anschließend wurde das Frühstück diskutiert, inklusive potenzieller Auswirkungen auf Verdauung und Löchlein, dann riefen schon die ersten Verwandten an, um sich ihre Dosis wehleidiges Gewinsel abzuholen. Der Vormittag schien mindestens sechzig irre laute Stunden zu haben. Falls ich mal einschlafen konnte, kam sofort die Visite, auf die man sonst meist bis zum Nachmittag warten musste.

Das Essen hatte ein Retro-Freak mit einem Faible für Plastikpuddings in surrealen Farben und merkwürdige Gemüseleichen an Fleischfaserbrocken entworfen und konsequent umgesetzt und wenn ich so überlege, ob es etwas gab, das gut war an der ganzen Geschichte: Wasser konnte ich diesmal so viel haben, wie ich brauchte – und ich brauche viel. Sogar Roswitha und Waltraut lernten schnell, dass meine kleine Karaffe immer nachgefüllt werden musste und taten das.

Außerdem hat jedes einzelne Mitglied des medizinischen Personals, das in meine Akte schaute, ein überaus erstauntes “Wie bitte? Sie sind schon vierzig?” von sich gegeben, weil sie mich für Anfang dreißig gehalten hatten, obwohl ich mich fühlte wie unterm zu spät gebremsten Laster rausgezogen. Eine mit mir gar nichts zu tun habende Dame kam dann sogar nachgucken, ob das stimmte, was die anderen über meine jugendlich anmutende Optik sagten. Sehr surreal, vor allem, weil ich eh noch nie die Komplimentempfänglichste war und mich ganz furchtbar fühlte und wusste, dass ich auch definitiv sehr gründlich so aussah, ungeschminkt und komplett zerstruwwelt.

Trotz des ungeheuren Lärmpegels schlief ich anfangs doch sehr viel, ich war ja erschöpft, schon durch die Medikamente, außerdem sollte ich so wenig wie möglich aufstehen. Später durfte ich dann herumlaufen, konnte flüchten aus dem lauten Zimmer, und so fand mich die Ärztin auf dem Flur, dösend in einer Besucherecke, wohin ich mich verkrabbelt hatte, um endlich mal zehn Minuten in Ruhe schlafen zu können. Das sagte ich ihr auch genau so: Was für ein Lärm in meinem Zimmer herrschte und dass ich dort nicht zur Ruhe käme.

Danach hat sie mir nicht mehr widersprochen, als ich sagte, ich wolle jetzt sehr bald mal nach Hause und handelte mich nur noch auf noch zwei Tage und eine weitere Komplettuntersuchung hoch.

# 22. April 2007 um 07:51 AM
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Samstag, 21. April 2007

Bettnachbarinnen

Notiz: Die Krankenhausberichte sind meine Therapie für das Verarbeiten der letzten Woche.

Tut mir leid, wenn jemand sie für Live-Berichterstattung gehalten hat oder für den Versuch literarischer Betätigung. Ist beides nicht so.

*

Das Überlebensprotokoll aus dem Krankenhaus scheint sich für euch so anzuhören, als hätte ich eine persönliche Abneigung gegen die beiden älteren Semester in meinem Zimmer gehabt. Tatsächlich aber habe ich sie einfach hingenommen und beobachtet, so wie man Baustellenlärm vorm Fenster um 6 Uhr früh am ersten Urlaubstag registriert oder eine Darmgrippe über sich ergehen lässt.

Während Waltraud stabile 73 Jahre aufweisen konnte, bewegte Roswitha sich alterstechnisch irgendwo in der Grauzone der letzten zehn Jahre vor der Pensionierung und hatte daher spürbar mehr mit Menschen zu tun, die auch mal Widerworte geben konnten, sie führte zwischendurch auch normale Gespräche. Was im Falle von Waltrauds Verwandtschaft und Bekanntenkreis eher unwahrscheinlich war, das anhaltende Gejammer durchdrang niemand so schnell.

Beide bezeichneten sich selbst wiederholt als gesellig, sehr beliebt und betonten, wie viel sie doch immer unternehmen würden und wie oft sie Besuch hätten. Zwei Dutzend Telefonate pro Tag und Insassin bestätigten meinen Eindruck, dass es sich keineswegs um verkalkte einsame alte Frauen handeln konnte, die nun im Krankenhaus jede Gelegenheit zum Reden ausnutzten: Sie waren einfach nur komplett renitent, stur wie alte Maulesel und damit ja eigentlich auch nur ziemlich typisch. Ohne Blutsverwandtschaft schwer zu verkraften, mit wahrscheinlich auch.

Im Grunde kann ich mir gut vorstellen, was für ein Blog sie jeweils geführt hätten, wären sie vierzig Jahre später geboren worden.

Roswitha hätte ihres so oft wie möglich auf Treffen vorgelesen, innerhalb einer Clique, die nach Ähnlichem strebte. Waltraut hätte kryptisch und unkryptisch rumgejammert, Sinnsprüche verballhornt und gegen Leute gezischelt, die das taten im Leben, was ihr selbst nicht so ganz erreichbar war. Vielleicht wäre ihr Contra-Durchfall-und-Päckchen-Blog auch der Renner geworden wegen indiskreter Problemstellenfotografie ... während Roswitha irgendwann eine Zeitung gefunden hätte, die ihre alltagsphilosophischen Überlegungen als kostenlosen kleinen feinen Content am Rande in ein “special featured blog” aufgenommen hätte. Sie hätte immer still für sich alleine gewusst, dass dies der Erfolgsrahmen ist, den Qualität annehmen kann, denn Massenerfolg konnte sowieso kein erreichenswertes Niveau haben oder halten.

Über ihre Cliquen hätten sie Linderung für ihre Mittelmässigkeiten, aber auch kleine Erfolge gefunden sowie allerbeste Internetfreunde, wechselnde Geschlechtspartner und privat organisierte Projekte. Getroffen hätten die beiden sich nie, vielleicht nicht einmal das Blog der jeweils anderen gekannt. Beide hätten aber Podcasting probiert und wieder verworfen, sich nach drei Jahren für erfahrene Altblogger gehalten und insgeheim Säure und Galle gespuckt, wenn unbekümmert Erfolgreichere nachrückten. Wenn ich auf eines der beiden Blogs getroffen wäre, hätte ich nach dem Lesen von drei Beiträgen weitergeklickt, ohne den Feedreader anzuwerfen.

Man weiß es aber nicht wirklich. Man wird es auch nie erfahren.

# 21. April 2007 um 03:08 PM
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Freitag, 20. April 2007

Das Päckchen, das Loch und endlich die Creme

Strikte Bettruhe lautete die Ansage für mich, während Roswitha und Waltraut äußerst agil waren und frohen Mutes von ihren Entlassungen in einigen Tagen sprachen. Je länger ich dort herumlag, desto mehr wurde es mir ein Rätsel, was sie überhaupt noch dort taten. Außer ein erweitertes Sozialleben pflegen, versteht sich. Sie erhielten Besuch auf dem Zimmer von anderen rüstigen Damen, statteten selbst Gegenbesuche ab, trafen sich zu bestimmten Zeiten am Raucherplatz und telefonierten stündlich jede mindestens dreimal. Schön laut, versteht sich.

Erst dachte ich, dass ich tagsüber mit geschlossenen Augen davonkommen konnte, aber dem war nicht so. Waltraut ließ gekonnte Besorgnis erkennen, kam ganz nah an mein Bett geschlichen »Ja geht es Ihnen etwa nicht gut?« Was sagt man darauf in meiner Situation, so was wie »ach doch, ich mache hier nur Urlaub, weil ich auf verdrecktes 70er-Jahre-Ambiente so stehe, dass ich drin rumliegen will?« Es war aber sowieso nur ein Trick von ihr, sie interessierte sich nicht die Bohne dafür, ob es mir gut ging, so lange sie nur meine Gehörgänge für ihr Geschwalle missbrauchen konnte.

Einen Tag lang hatte ich bereits dort gelegen, mich gezwungenermaßen still verhalten. Ich hatte gehört, dass Waltraut gut zu Fuß und beschwerdefrei vorwärts kam, wenn es zum Frühstück ging oder sie sich Zigaretten holte … sie aber eine große Menge “oh, aua, weia, auweh” und “ächz” von sich gab, wenn sie Publikum hatte oder dachte, dass ich wach war. Als sie sich unter theatralischem Wimmern neben mir niederließ, fragte sie kurz ab, was ich denn hatte. Grunzte dann äußerst zufrieden und teilte mir mit, das sei ja alles gar nichts, unwichtig im Vergleich zu ihren Leiden und schon daher komplett zu vernachlässigen. Denn sie, Waltraut, sie sei nicht nur krank gewesen, nein! Sie habe auch eine schwere Kindheit gehabt, in Ostpreussen. Eine sehr arme, leider auch ungemein ausführliche Kindheit, wie sich herausstellte in den nächsten 40 Minuten.

»Wir hatten ja nichts!« endete die lange Tirade. Von links kam ein Echo, denn Roswitha, die hatte ja auch nichts gehabt, »drüben«.

Ich wollte mir gerne das Kissen aufs Gesicht legen, bevor die auch noch anfing, aber es gab dann Abendessen und ich konnte mich stattdessen an einer Scheibe Graubrot erfreuen, die sich an den Ecken schon lächelnd mir entgegenbog, garniert mit Diätmargarine und –marmelade und einem Früchtetee. Bis die Schwestern merkten, dass ich angesichts des trostlosen Graubrots in einen halben Hungerstreik getreten war, sollten noch einige Mahlzeiten vergehen. Zwischenzeitlich aß ich Bananen, von denen ich den Mann gebeten hatte, einen Vorrat mitzubringen, und bemühte mich um Unauffälligkeit.

Rechts Waltraut, die quietschfidel, laut und munter war. Bis das Telefon schrillte. Dann nahm sie mit einem leidenden Seufzer den Hörer auf und jammerte betont ermattet ein ‘Hallo’. An diesem Abend begann, was ich in den nächsten vier Tagen nur noch die Tirade nannte. Eine Tirade, die den Mann an meiner Seite ungemein erheiterte, aber er hörte das auch nicht achtundzwanzigmal nacheinander jeden Tag.

»Ach«, winselte Waltraut. »Seit ich vor drei Tagen dieses Päckchen genommen habe, das der Arzt mir gegeben hat, hab ich nur noch Durchfall. So braunen, dünnflüssigen, ganz schlimm brennenden, das hört gar nicht mehr auf. [Hier bitte längere ausführliche Beschreibung des Exkrements einsetzen, jeweils im Abgleich mit den aktuell eingenommenen Mahlzeiten und möglichen Ursachen für eventuelle Verfärbungen.] So’n Päckchen, das kann ich echt nicht mehr nehmen! Die Frau Roswitha hat auch ein Päckchen genommen, und bei ihr [Erläuterungen in epischer Länge zu Form, Farbe und Geruch von Roswithas Stuhlgang einsetzen], da können wir doch kein Päckchen mehr nehmen, aua aua, wo soll das denn hinführen …«

Natürlich haben sowohl Waltraut als auch Roswitha sich weiterhin jeden Tag dreimal ein “Päckchen” Abführmittel geben lassen, ohne dem Arzt von dem anhaltenden Durchfall zu berichten, dafür aber den Rest der Welt detailliert informiert und die Päckchen auch gar nicht genommen, sondern im Nachtschrank versteckt. Dies nur als unwichtigen Infohappen zwischendurch.

»Oh, ah, aua«, kam es von Waltraut. »Mein Futlöchlein brennt wie Feuer, wie können die mir so ein Päckchen geben [hier bitte Wiederholung beider Verdauungsbeschreibungen von weiter oben einsetzen und dreimal wiederholen]« Nun weiß ich, dass es Leser hier gibt, die mir zutrauen würden, ein Wort wie ‘Futlöchlein’ zu erfinden, aber leider war es nicht so.

Da ich euch allen ein Wochenende mit unverdorbenen Geschmacksknospen gönne, verzichte ich an dieser Stelle auf die Beschreibung, wie wir alle daran teilhaben durften, als das Futlöchlein dann von der bewundernswerten Nachtschwester mit einer Creme eingerieben wurde. Auch wer nicht dabei war, konnte später noch alles Wissenswerte erfahren, denn die Telefonate über Aua, Päckchen und Futloch wurden fortan um Nachtschwester und Creme erweitert.

Oliver kann man mit sowas sehr erheitern. Aber der ging ja auch nach der Besuchszeit heim.

# 20. April 2007 um 11:09 PM
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