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Donnerstag, 24. August 2006

Hallo?

Im Fernsehen erzählt gerade so eine merkwürdig säuselnde Tuss, dass Frauen rosa Spielkonsolen wollen, wenn sie Computerspiele spielen. Rosa Videowelten, das ist es doch, was wir alle wollen, also jedenfalls diejenigen von uns, die menstruieren. Behauptet man. Mädchen spielen lieber zusammen als alleine und machen nur ganz kuschelige, rosa Sachen.

Jetzt beschwert die sich allen Ernstes, dass Männerspiele voller Klischees wären. Rosa Spielkonsolen sind natürlich kein Klischee.

# 24. August 2006 um 10:23 PM
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Die Reihenfolge der Dinge

Unseren Herd habe ich verschenkt. Am Tag darauf mussten wir den Umzug um eine Woche verschieben. Die Küche ist schon ausgeräumt und steht als Kartongebirge in der Ecke des Wohnzimmers, die vor einigen Wochen noch die inzwischen ebenfalls verschenkte Couch beherbergte. Wir essen, was immer wir finden oder an der Ecke kaufen können und klettern über die Stapel, wenn wir Dinge suchen. Es ist ein bisschen wie Camping. Ich hasse Camping.

Gestern scheuchte die Maklerin vier Interessenten für die Wohnung durch, gleichzeitig. Drei Paare und eine einzelne Dame, also vier Interessenten gleich sieben Personen. Sie stolperten durch die Umzugskartons und an Katzen und aufgehängter Unterwäsche vorbei, ein Anblick, der mir wiederum erspart blieb, denn ich hatte den Termin vergessen und weilte unnützes Futter kaufend im Walmart. Meine Freundin und Nachbarin nutzte die Gelegenheit, beim Einlassen der Horde alle zu inspizieren und zu schauen, wer als neuer Nebenmieter in Frage kommt.

Sie sahen alle nett, sauber und freundlich aus, aber das tun Serienkiller anlässlich von Wohnungsbesichtigungen bestimmt auch. Das habe ich allerdings nicht gesagt, als ich mit unvernünftigen Einkäufen balancierend um die Ecke galoppierte und gerade noch zum Abschied allen versichern konnte, dass unser kleines 2-Zimmer-Haus wirklich sehr schön ist und dass man in der Waschküche Maschine und Trockner aufeinander stapeln kann, der Keller trocken ist und die Nachbarn total nett. Jetzt wollen sie es alle. Gut, dass ich darüber nicht entscheiden muss, mir reicht das vorhandene Chaos schon.

Der prüfende Blick in den Spiegel liefert immer noch keine grauen Haare, das kann sich aber in den nächsten drei Wochen noch schlagartig ändern, wenn Kenzo sich weiter als Umzugshelfer betätigt. Konsequentes Durchführen wissenschaftlicher Experimente brachte ihm wohl die Erkenntnis, dass man die interessantesten Reaktionen mit zerberstendem Porzellan und dem Verhauen von zarten kleinen Katzenmädchen erzielen kann. In der letzten Nacht haben wir sehr lange versucht, merkwürdige Geräusche aus dem Wohnzimmer zu ignorieren, die wir nicht identifizieren konnten.

Irgendwann kapitulierte Oliver und ging nachsehen: Scheinbar kann man nicht stillhalten, wenn man auf Luftpolsterfolie liegen will.

# 24. August 2006 um 09:42 AM
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Montag, 21. August 2006

Aufstieg.

Herr Schmidt saß auf dem Fensterbrett des ersten Treppenabsatzes und genehmigte sich erst wieder einen Schluck aus der unvermeidlichen Bierflasche, bevor er lässig grüsste. Ich versuchte ihn zu ignorieren und konzentrierte mich darauf, das nächste Stück Treppe schon mal vorab anzusehen. 63 Stufen bis nach oben. Beim ersten Mal hatte ich fast eine Viertelstunde gebraucht und habe später das schmerzende Bein nachgezogen, inzwischen muss ich nur noch zweimal anhalten.

»Da habe ich mich auch immer hingesetzt.« meinte Herr Schmidt und zeigte auf den Vorsprung, an dem ich lehnte. Auch das wusste ich schon, die anderen Bewohner hatten uns erzählt, dass er in seinen letzten Lebensjahren abends immer sehr lange brauchte bis oben. So wie ich. »So wie Sie« ergänzte er dann auch prompt. »Aber aus anderen Gründen« murmelte ich so deutlich, wie man einen Geist anflüstern kann, ohne sich auffällig zu machen den Nichtsehenden gegenüber. »Ich trinke nicht!«

Jetzt war Schmidtchen beleidigt. Er wurde grüngrau wie der Blumenkasten, kniff die Augen schmal zusammen und schob die Unterlippe quer, nachdem er schnell noch einen Schluck genommen hatte. Als ich an ihm vorbei weiter aufwärts stapfte, tropfte er längs von der Fensterbank hinter mir her und dann konnte ich fünf Stufen zurück seinen schweren Atem und schlurfende Treppenschritte hören. Ich wusste, dass ich ihm beim zweiten Stopp meines Aufstiegs wieder begegnen würde, da ich wie ferngelenkt dort anhalten würde, wo er viele Jahre lang täglich innegehalten hatte.

Es war unvermeidlich.

# 21. August 2006 um 10:35 PM
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Lauschen.

Max und Franzi diskutieren.

Sie verdienen sich ein bisschen Taschengeld mit dem Ausräumen der Küche und sollen nun alle Gewürze wegwerfen, die abgelaufen sind. Auf einigen steht nur das Jahr. Andere sind gerade mal eben abgelaufen, manche laufen nächste Woche ab. Max ist älter als Franzi und entschiedener. Dafür ist sie gründlicher und entscheidet auch schon mal durch Schnuppern.

Angeregte Diskussion. Man zeigt sich gegenseitig die Ablaufdaten und passt auf, dass der jeweils andere alles richtig macht. Gepfeffertes Niesen.

Der Kümmel, der kommt weg.

# 21. August 2006 um 03:42 PM
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Sonntag, 20. August 2006

Hausgeist

Er lehnte am Ende des Flurs und grinste, als ich ihn bemerkte und zusammenzuckte. »Schmidt ist der Name« stellte er sich vor und schwenkte dabei seine Bierflasche von links nach rechts. Weiß ich. murmelte ich und schabte noch fester an den Resten antiker Wandfarbe. Schon als wir die drei Zimmer zum ersten Mal besichtigten, hatte ich Herrn Schmidt in der ehemaligen Küche gesehen, wo er auf dem Boden neben einem Stuhl lag. Er muss beim flüssigen Abendessen gestorben sein damals, vielleicht wurde er auch gar nicht sofort gefunden, denn er lag dort mit einer gewissen schlaffen Selbstverständlichkeit. Herr Schmidt samt umgekipptem Stuhl verschwand ganz allmählich, als ich länger hinsah und ihn beim Verblassen betrachtete, bis nur noch ein Schatten zurückblieb.

Über 30 Jahre lang hatte er in diesen drei Räumen gelebt, die man kaum als Wohnung bezeichnen konnte, fehlte doch ein Bad, das durch eine zurechtgezimmerte Dusche in der Küche ersetzt wurde. Als wir mit der Sanierung begannen, hing der Alkoholdunst noch in den Wänden und ich wusste, dass er sich eigentlich nicht drei Jahre lang hätte halten können. Die anderen vermuteten, dass die leer stehende Wohnung gelegentlich als Schlafplatz missbraucht worden war und deshalb so roch. Ich wusste es besser, denn später ging er einmal an der Tür vorbei, als wir das Waschbecken von der Wand klopften und dabei die mit Heißkleber abgedichteten Plastikrohre bestaunten. Er amüsierte sich prächtig über unser Entsetzen wegen der primitiven Fliesen in den dunkelbraunen Räumen, glaube ich, denn er kicherte beim Hineinschauen – und worüber sollte er sonst lachen?

Unter der grünen Glimmertapete war braune Stofftapete, unter dieser wiederum Blümchen auf unzerstörbarem Kleister. »Was hast du dir dabei bloß dabei gedacht, als du das aufeinander gepappt hast?« Er antwortete nicht, sondern schaute zur Abwechslung komplett verstört durch den Flur. Ich wusste, dass er in seinem hohen Alter von 83+3 nicht daran gewöhnt war, von halbwegs jungen Frauen einfach geduzt zu werden, hatte aber definitiv nicht vor, jemanden zu siezen, der erst echten Kork an eine Wand gepappt, darüber dann Styropor und darauf dann Korktapete angebracht hatte - und das in einem Umfeld, das sich sowieso schon am besten mit »Eiche pseudo-antik« beschreiben lassen würde, auch wenn hier nirgendwo tatsächlich irgendwas aus echter Eiche war.

»Sie müssen verstehen, das hat man in den 70ern eben so gemacht. Es war viel zu viel Arbeit, die alte Tapete und den Kleister darunter zu entfernen.« erklärte er würdevoll und schwankte dabei nur ein bisschen. Bier tropfte aus seiner Flasche und verschwand spurlos im Boden. Schmidtchen hatte sich in diesen Räumen totgesoffen, das wusste ich. Aber wusste er das auch? Er schien zu denken, dass er nach 35 Jahren hier jetzt einfach nur neue Mitbewohner hatte.
»So wie jetzt ist es aber auch nicht schlecht«, räumte er ein und beäugte unsere frisch weiß verputzte Küche, die früher sein dunkelbraun-dunkelgrünes Wohnzimmer war. Meinen Kampf mit dem unzerstörbaren Tapetenkleister hatte ich nicht aufgegeben, während er um mich herumwanderte und die verschiedenen Schichten seines Lebens betrachtete, die ich nach und nach abschabte und vom Spachtel strich. Hellgrüne Glimmerblümchen stießen an eine Kante von hellrosa Glimmerpünktchen und ich hätte mich gerne ausführlich über diesen Fund beschwert, ihn vielleicht sogar hinterfragt. Doch als ich mich anklagend zu ihm umdrehte, verblasste Herr Schmidt bereits wieder.

»Prost!« sagte er flaschenschwenkend. Ganz leise. Und verschwand.

# 20. August 2006 um 06:26 PM
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